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Samstag, 7. Mai 2011

Liebe, Leidenschaft und Glück in Linz

Liebe, Leidenschaft und Glück in Linz

Manuela und Franz sind an diesem Samstagvormittag unterwegs um ihren Wochenendeinkauf zu tätigen.
Manuela arbeitet am Krankenhaus in Linz als Stationsärztin. Franz ist Ingenieur und arbeitet bei einem größeren Ingenieurbüro, ebenfalls in Linz.
Und Linz? Linz liegt in Oberösterreich hat mehr Arbeitnehmer als Einwohner und ist sozusagen ein Jobmotor. Außerdem finden hier das Leben und die Liebe genauso statt, wie auf jedem anderen Flecken dieser Erde.
Manuela bleibt vor einer Boutique stehen. „Schau Franzl, ganz tolle Sachen haben die hier in dem Laden. Ich werde mir wohl was zum Anziehen kaufen.“
Ihr Gatte schaut ein wenig verwundert, „Hast Du nicht erst letzte Woche neue Klamotten gekauft?“
„Aber geh, Frauen brauchen immer Mal was Neues.“
Franz kratzt sich am Hinterkopf überlegt, wie er es ihr beibringen soll. Manuela wirft einen Blick zur Seite.
„Geh! Was schaust Du mich so komisch an? Hast wieder Angst ich gebe zuviel Geld aus?“
Franz atmet tief durch und dann lässt er die Katze aus dem Sack. „Wir kriegen kein Geld mehr auf der Bank. Unser Limit ist voll ausgeschöpft und die Bank will mit uns reden.“
Manuela zuckt mit den Schultern. „Na da mache ich dem Mann ein paar schöne Augen und die Sache ist erledigt.“
Franz schüttelt den Kopf. „Sage hinterher bloß nicht ich hätte dich nicht gewarnt. Den Menschen von der Bank beeindruckst du auch nicht mit schönen Augen. Die Jungs wollen Kohle sehen.“
Manuela schaut fasziniert in die Schaufensterauslage.
„Wir verdienen doch Geld, die Bank soll die Klappe halten. Meinst nicht, das Kleid steht mir gut?“
Franz ist fassungslos. „Ich sage dir, wir sind Pleite und du schaust nach Kleidern. Das ist wieder einmal so typisch für dich, verstehst du nicht oder willst du es einfach nicht kapieren?“
„Mensch, Franzl, du versaust mir immer mein Shopping, du bist ein alter Geizhals. Geh ins Kaffeehaus, ich komme später nach.“
„Manuela! Dir ist nicht zu helfen. Vielleicht merkst du ja an der Kasse was los ist!“ Franz dreht sich um und geht wortlos davon.
Am Zeitungsladen späht er in die Auslage und dann sieht er die Frau an der Kasse. Die sieht einfach nur zuckersüß aus und wie die lächelt.
Kurzerhand betritt er den Laden und schaut sich um. Verstohlen wandert sein Blick immer wieder in Richtung Kasse.
Die junge Dame hinter der Kasse heißt Sandra. Irgendwann später spricht sie den Mann an.
„Mein Herr kann ich Ihnen helfen?“
Franz strahlt über zwei Backen. „Ja und nein.“
Sie lächelt freundlich. „Wie darf ich Sie verstehen?“
Franz ist ihrem Charme erlegen und so pirscht er voll auf das Ziel los.
„Haben Sie schon was vor am Abend? Darf ich Sie einladen? Ich bin leider ein wenig knapp bei Kasse.“
Die junge Frau lächelt immer noch, jetzt wohl eher amüsiert. „Ich weiß nicht was Sie vorhaben mein Herr. Ihr Anbaggerspruch ist aber mit Abstand der Blödeste der mir je unter die Augen kam. Haben sie eigentlich eine Vorstellung was so eine Verkäuferin verdient? Ich bin doch nicht da um Blödmänner auszuhalten!“
Franz sieht seine Felle davonschwimmen. „Ich habe auch einen Wagen, vollgetankt, wenn ich bemerken darf.“
Sandra mustert den Mann von oben nach unten und bemerkt natürlich den Ehering am Finger. Auf der anderen Seite benötigt sie einen Wagen für den Abend, also mit dem Burschen wird sie wohl noch fertig.
„Gut, um sieben hier vor dem Geschäft. Wir fahren auf eine Party zu einer Freundin hundert Kilometer entfernt. Eine Wegstrecke ist dies wohlbemerkt. Saufen Sie?“
„Nein! Ich trinke keinen Alkohol.“
„Um so besser, dann können wir auch wieder nach Hause fahren ohne Probleme. Ich trinke auch keinen Alkohol mehr.“
Franz schaut sie mit großen Augen an.
„Ich meine, ich habe gute Gründe, keinen Alkohol mehr zu trinken.“
Franz grinst. „Das geht mich auch wenig an. Ich meine sie werden es mir sicher noch bei Gelegenheit sagen.“
Sandra nickte zustimmend. „Ja, vielleicht bei Gelegenheit, schauen sie zu, dass sie pünktlich sind.“

Franz schwebt aus dem Laden und ist erst einmal glücklich.
Manuela hat langen Dienst und wird erst wieder am Montagmorgen auftauchen, da kann er in der Zwischenzeit so richtig den ganzen Mist vergessen. Er wird die Kleine flachlegen keine Frage und dann wird er sich von Manuela trennen und, und.... . In seiner Euphorie hat er seine Umgebung total ausgeblendet und rennt voll gegen einen Mann. Der ist erst wütend, dann lacht er.
„Hallo Franz, bist wohl ein wenig stürmisch am Samstagvormittag.“
„Mensch Harald, dich habe ich glatt übersehen.“
Harald lächelt freundlich. „Ich bin auch so klein, einen Hünen wie mich übersieht man leicht.“
„Quatsch ich war in Gedanken, die Welt ist einfach so toll.“
Harald versteht im Moment nur Bahnhof.
Was ist bloß los mit dem Kerl?
„Gehen wir ins Kaffeehaus?“
„Ich war gerade auf dem Weg dahin, weißt du Manuela versucht sich wieder in Klamotten kaufen.“
Harald winkt ab. „Das kenne ich, von meiner Frau, bei der dauert so ein Einkauf oft Stunden. Ich bin darüber nur verzweifelt. Frauen sind halt Frauen.“
Im Kaffeehaus nehmen sie Platz an ihrem Tisch, der ist an diesem Morgen rein zufällig frei. Die nächste Stunde plätschert im Männergespräch dahin.
Manuela hingegen hat ihre Wahl getroffen und steht an der Kasse. Die Verkäuferin sagt freundlich.
„Gnädige Frau, das macht Vierhundertfünfzig Euro.“
Sie nimmt ihre Scheckkarte und reicht sie der Verkäuferin. Diese versucht die Karte einzulesen. Leider wird der Betrag nicht akzeptiert. Die Verkäuferin nimmt die Karte aus dem Lesegerät. „Sicher ist da ein Fehler in unserem Lesegerät. Ich versuche es noch einmal.“
Nach drei Versuchen ruft sie den Chef. Der erkennt sehr schnell die unangenehme Lage.
„Gnädige Frau, Ihre Bank akzeptiert ihre Karte nicht mehr.“

Manuela wird verlegen, auf ihr Gesicht legt sich die Schamesröte. Sie nimmt wortlos ihre Karte und verlässt die Boutique.
An der frischen Luft atmet sie tief durch und rennt fast bis zum Kaffeehaus.
Im Kaffeehaus sitzt Franz mittlerweile allein an seinem Tisch und wartet der Dinge, die kommen mögen. Ein komisches Gefühl in der Magengegend lässt ihn Unangenehmes erahnen.
Seine Frau reißt die Tür zum Kaffeehaus auf und stürzt auf seinen Tisch zu. Sie lässt sich auf den Stuhl fallen und starrt ihn stumm an.
„Wieso hast Du blöder Kerl mich nicht gewarnt? Weißt du überhaupt wie peinlich das ist? Du stehst in einer Boutique und deine Kreditkarte ist nicht gedeckt. Wie peinlich! Frau Doktor zahlungsunfähig. Warum hast Du mir nicht gesagt, wie schlimm es um uns steht?“
Franz schaut zum Fenster hinaus.
„Hättest Du es mir geglaubt?“
Die Serviererin kommt zum Tisch und stellt eine Wiener Melange vor Manuela ab. Sie lächelt freundlich.
„Bitte schön Frau Doktor. Wie immer?“
Manuela nickt stumm. Plötzlich wird ihr schlagartig bewusst, sie sind Pleite!
„Du Franz können wir überhaupt den Kaffee noch bezahlen?“
„Ich habe noch hundertfünfzig Euro in der Tasche. Das ist unser letztes Bargeld und heuer haben wir erst den 25.“
Manuela nippt still an ihrer Kaffeespezialität.
„Franz warum hast Du so viele Schulden gemacht?“
Franz ist erst sprachlos dann aber schlägt er zurück.
„Meine Liebe unsere Schulden, die gehören zur Hälfte auch Dir. Wir haben drei Kredite zu bedienen und leider das gemeinsame Girokonto mit zwölftausend Euro überzogen. Wir unterhalten zwei Autos, haben eine teuere Mietwohnung und fahren auch noch zweimal im Jahr in Urlaub. Dein Faible für teuere Markenkleidung schlägt ebenso nicht zu knapp zu Buche.“
Manuela schaut ihn erstaunt an.
„Meine Klamotten? Du tickst wohl nicht ganz richtig im Kopf! Ich kaufe mir nicht so oft Kleider.“
Franz zuckt mit den Schultern. „Das ist Ansichtssache, unser Kontostand ist Fakt.“
„Ich werde zu Hause meine Kosten aufstellen und dann laufen Dir die Augen über Franzl!“
Franz lächelt milde. „Wann gedenkst Du dies zu tun? Hast Du vergessen, Du hast Dich über das Wochenende freiwillig zum Dienst gemeldet.“
„Das ist Blödsinn, zwei Kollegen sind krank und die Vertretung hat Urlaub, da muss ich ja ran.“
„Auf jeden Fall werden wir nicht umhin kommen mit der Bank zu reden.“
„Ich werde jetzt bei meiner Mutter vorbeischauen, die gibt mir immer Geld. Außerdem wird mein Paps auch noch was abdrücken.“
Franz schüttelt den Kopf. „Wann wirst Du eigentlich eine Erwachsene? Du bist eine total verwöhnte Göre!“
Manuela streckt die Hand über den Tisch.
„Gib mir die Hälfte von unserem Geld.“
Franz grinst und fragt.
„Gibst Du mir auch die Hälfte vom Geld Deiner Eltern?“
Manuela tippt sich an die Stirn.
„Spinnst Du, das Geld ist für mich gedacht!“
„Aha! Du bist und bleibst eine Egoistin.“
Manuela steht vom Tisch auf. „Das nimmst Du sofort zurück! Ich rede ansonsten nie mehr ein Wort mit Dir.“
Franz schaut sie verärgert an. „Dann haue doch ab! Verschwinde endlich aus meinem Leben, Du dämliche Nuss!“
„Ach, so denkst Du von mir? Eigentlich wollte ich mit Dir in der Wienerstrasse beim Italiener essen gehen; aber jetzt kannst Du mich Mal!“
Franz erwidert. „Ich bin froh, wenn ich Dich nicht mehr sehen muss!“
Manuela stemmt die Hände in die Hüften.
„Damit wäre ja so gut wie alles gesagt!“
Dreht sich um und verlässt das Kaffeehaus. Franz legt das Geld auf den Tisch und verschwindet ebenfalls. Dieser Auftritt war nur peinlich. Was sollen die Leute nur von Ihnen denken?
Manuela besucht an diesem Nachmittag ihre Eltern und hat das große Glück am Ende besser dazustehen, als zuvor.
Ihr Vater schüttelt nur den Kopf über soviel jugendliche Dummheit. Alle Vorträge über den Umgang mit Geld scheinen hier wenig zu fruchten. Kind ist nun einmal Kind und bleibt es auch als Erwachsene. Sie haben nur die eine Tochter, so zeigt er sich von seiner großzügigen Seite. Er verspricht, seiner Tochter am Montag ihre Schulden auf dem laufenden Konto auszugleichen. Im Gegenzug erwartet er von seiner Tochter endlich mehr charakterliche Reife, immerhin sind ihre Eltern bekannte Persönlichkeiten.
Manuela würde alles versprechen, und wie immer nichts davon halten, nur dieses Mal ist es doch anders. Sie nimmt sich ernsthaft vor an der Angelegenheit zu arbeiten.
Ihre Mutter drückt ihr dreihundert Euro in die Hand und gibt ihr noch eine halbe Linzertorte mit. Der Franzl isst doch so gern Linzertorte.
Am Auto rollen Manuela die Tränen. Der Tag läuft echt bescheuert. Eigentlich sollten sie sich doch vertragen, statt sich auch noch zu zerfleischen. Im Grunde liebt sie doch Franzl, nicht auszudenken, er würde dieses Wochenende Unsinn treiben. Sie will auf jeden Fall noch mit ihm reden vor Dienstantritt.

Ihre Wohnung ist leer, Franzl hat schon das Weite gesucht.
Tief enttäuscht fährt Manuela zum Krankenhaus, ausgerechnet dieses Wochenende muss sie auch noch die lange Schicht schieben.
Auf der Station hat sie sofort jede Menge zu tun und schnell hat sie ihre Probleme verdrängt. Zu allem Elend fällt auch noch in der Notaufnahme Personal aus und sie ist total im Treiben. Gegen vier Uhr am Morgen hat sie endlich ein wenig Ruhe und sie ruft zu Hause an. Niemand hebt am anderen Ende der Leitung ab. Manuela ist schlecht, die ganzen letzten Wochen ist ihr schon schlecht und es wird nicht besser. Die letzte Zeit hat sie häufiger so einen komischen Heißhunger auf total blöde Sachen.
Um diese Zeit hängt Franzl meist am Computer und surft im Internet. Warum an diesem Sonntagmorgen nicht?
Wie kann sie auch wissen, Franzl amüsiert sich prächtig auf
einer Party. Er ist hundert Kilometer entfernt auf einem Bauernhof.
Während der Fahrt hat er schon versucht diese Sandra aufzureißen, nur die lässt sich nicht auf ihn ein. Er beobachtet sie den ganzen Abend schon und irgendwie wird er das Gefühl nicht los, die ist in festen Händen. Nur warum verschweigt sie es?
Vor dem Haus trifft er sie die Sterne betrachtend.
„ Wieso hast Du mir nichts von Deinem Freund gesagt?“
Sandra schaut ihn erstaunt an. „Mein Freund ist ein verheirateter Deutscher Volltrottel, der hier in Österreich arbeitet und zu dämlich ist, sich für mich zu entscheiden. Ich bin außerdem zwanzig Jahre jünger als er. Du trägst einen Ehering, was erwartest Du von mir?“
Franz schaut auf seinen Ehering. „Ja, ich bin verheiratet mit Manuela, einer Ärztin, tolle Frau. Wir hatten Streit und ich wollte Ihr eins auswischen.“
Sandra schüttelt verständnislos den Kopf. „Und da denkst Du, wenn Du Mal so nebenbei eine Andere nimmst, ist die Rache perfekt? Ich rate Dir lass bloß die Finger von dem Unsinn. Du machst es am Ende nur noch schlimmer.“
Franz schaut in den klaren Sternenhimmel. „Und wie ist es bei Dir?“
„Ich hoffe, es kommt eine Sternschnuppe und dann wünsche ich mir, er entscheidet sich endlich für mich.“
Franz sagt leise. „Weiß der Trottel eigentlich, wie sehr Du ihn liebst?“
Sandra lacht laut. „Ich glaube, er weiß es nicht! Vielleicht benutzt er mich ja nur. Ich will es nicht wahrhaben.“
„Weißt Du Sandra Du, hast mich vor einem großen Fehler bewahrt. Wann fahren wir eigentlich zurück nach Linz?“
Sandra nickt zustimmend. „ Ich denke wir fahren gleich.“
Sie verlassen die Party und fahren zurück in die Stadt. Franz hält vor dem Geschäft. „Wieso wohnst Du eigentlich über dem Laden?“
Sandra lacht. „Der Laden gehört mir, komm ich koche uns noch einen Kaffee.“
Franz schaut sie lange an. „Aber nur einen Kaffee.“
„Was denkst Du denn, ich habe Dir doch gesagt, wie es um mich steht.“
Franz nickt beruhigt. „Dann ist alles in Ordnung.“
Sie betreten das Treppenhaus und gehen nach oben in den ersten Stock. In Sandras Wohnung brennt Licht.
„Mist! Ich habe wohl vergessen das Licht auszuschalten.“
Sie schließt die Wohnungstür auf und sie betreten die Wohnung. „Gehe schon Mal in unser Wohnzimmer, da vorne die Tür rechts.“
Franz geht in das Wohnzimmer und erschrickt. Ein Mann sitzt auf der Couch und schaut ihn wenig überrascht an.
Franz zeigt hinter sich. „Ich habe Sandra nach Hause gefahren, sonst ist zwischen uns nichts gelaufen.“
Der Mann lächelt freundlich. „Sandra würde nie einen Mann an sich heranlassen.“
Franz schaut ihn erstaunt an. „Sie sind ein Mistkerl hat Ihnen schon einmal jemand diese Wahrheit gesagt. Sie haben eine der tollsten Frauen dieser Stadt und Sie sind immer noch mit einer anderen Frau verheiratet. Sie sollten sich schämen! In einem Punkt haben Sie recht, eine solche Frau haben Sie nicht verdient, die liebt sie wirklich.“
Verlegen schaut Franz nach unten auf den Teppichboden.
„Ich gehe dann besser jetzt.“

Er verlässt die Wohnung und fährt nach Hause. In seiner Wohnung brennt auch das Licht. Manuela hat wohl vergessen das Licht auszumachen, als sie am Abend zum Dienst ging.
Im Wohnzimmer erwartet Franzl eine Überraschung und die verschlägt ihm die Sprache.
Auf der Couch liegt Manuela und schaut ihn stumm an. Er braucht einige Zeit um sich auf diese Situation einzustellen.
„ Ich komme gerade von einer Party.“
Manuela schaut ihn überrascht an. „Seit wann gehst Du auf Partys?“
„Ich brauchte ein wenig Abstand, etwas Ablenkung von meinen Gedanken. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll? Wir reden doch viel zu wenig miteinander. Wieso bist Du eigentlich nicht in der Klinik?“
„Ich bin zusammengebrochen und da haben sie mich krankgeschrieben.“
Franz ist erschrocken. „Hast Du was Ernstes?“
Manuela nickt. „Ja, unser Leben wird sich auf den Kopf stellen.“
Franz setzt sich kreidebleich auf einen Sessel. „So schlimm?“
Manuela grinst breit. „Kommt darauf an, auf jeden Fall wird es in ein paar Monaten hier ein wenig enger werden.“

Franz schaut sie lächelnd an. „Soll es etwa heißen, wir kriegen ein Baby?“
Manuela richtet sich auf der Couch auf. „Was hast Du den gedacht?“
Franz sagt mahnend. „Wir müssen unbedingt unsere Finanzen in Ordnung bringen.“
Manuela lächelt. „Mein Vater gleicht unser Konto aus und wahrscheinlich wäre es klug, zu meinen Eltern zu ziehen. Ich will wieder arbeiten und meine Eltern haben Personal.“

Franz nickt zustimmend. „Ich denke unsere große Freiheit ist wohl vorüber.“
Manuela sieht ihn an. „Bist Du mir noch böse?“
„Nein mein Schatz, ich war doch auch nicht besser.“
Ihre Lippen finden sich zu einem langen Kuss.

Sandra kommt singend aus der Küche, vor sich ein Tablett balancierend. Fast entgleitet es ihr vor Schreck aus den Händen. Auf der Couch sitzt nicht Franz, sondern Christian. Sie setzt das Tablett mit letzter Kraft auf dem Couchtisch ab.
„Wo kommst Du her? Wo ist Franz?“
Sie lässt sich mit diesen Fragen in einen der Sessel sinken, ahnend es wird ein unangenehmes Gespräch.
Christian lächelt sie an. „Der hat es vorgezogen zu gehen. Das ist auch besser so, wir haben zu reden.“
Sie hat es schon befürchtet, sicher wird er ihre Geschichte bezweifeln. Sie hebt verzweifelt die Hände hoch. „Da war überhaupt nichts. Ich war mit ihm auf der Party, zu der Du keine Zeit hattest. Du wolltest das Wochenende in Deutschland bei Deiner Frau verbringen.“
Christian lächelt sie immer noch an. „Meine Rose, ich weiß doch schon längst die Wahrheit.“
Sandra schaut ihn erstaunt an. „Du weißt die Wahrheit? Während Du Dich in deinem Ehebett wälzt, weine ich mir die Augen aus.“
Er zeigt auf den Platz neben sich auf der Couch.
„Komm setze Dich zu mir meine Rose.“
Sie ist sich nicht sicher. Was soll sie jetzt davon halten? So nimmt sie neben ihm Platz und Ihr Herz pocht laut und stark. Irgendwie befürchtet sie, er wird das Ende Ihrer Beziehung verkünden. Nur warum nennt sie dann noch seine Rose?
Christian hingegen sucht nach den passenden Worten. Es wird nicht einfach werden. Er blickt ihr in ihre strahlenden Augen und seine Angst fliegt davon.
„Ich denke ich muss Dir die Wahrheit sagen, Sandra. Ich habe Dich die ganze Zeit belogen. Es gibt keine Ehefrau mehr, Brigitte ist seit sechs Jahren tot.“
Die Worte hallen durch den Raum und Sandra hört nicht das Wort von der Lüge, sie hört nur: keine Ehefrau!

Ihr Herz schlägt Salto und am liebsten würde sie an die Decke springen, stattdessen blickt sie ihn vorwurfsvoll an. Soll er bloß ein schlechtes Gewissen haben.
„Ich hatte Angst vor einer neuen Bindung, außerdem bist Du so viele Jahre jünger. Wie soll so etwas gut gehen? Am Anfang unserer Beziehung war ich mir sicher solch eine Liebe ist auf Zeit, kurze Zeit. Im ersten Jahr habe ich immer den Tag gefürchtet, an dem Du Schluss mit mir machst. Das zweite Jahr wurde ich mir Deiner Liebe sicherer, aber die Panik wuchs, weil ich doch zu alt für Dich bin. Im dritten Jahr wollte ich Dich nur noch auf Händen tragen und zu Deinen Füssen einen Teppich voller Rosen streuen. Irgendwann fragte ich mich, wie finde ich jetzt in die Wahrheit zurück.“

Sandra schaut ihn mit großen Augen an. Was passiert jetzt?
Christian lächelt sie an, kann dieses Lächeln noch lügen oder gar betrügen? Das muss doch Liebe sein!

„Ich habe den Kindern das Haus in Deutschland überschrieben, die Lebensversicherungen lauten auf Dich und mein kleines Vermögen werden wir wohl noch für schöne Dinge brauchen. Ehe ich es ganz vergesse, ich gehe auch nicht nach Australien, ich brauche den Job nicht. Ich weiß jetzt genau was ich in meinem Leben wirklich vermissen würde. Das bist Du, immer nur Du.“
Christian geht auf die Knie vor ihr und schaut sie lange an. Er beginnt, in seiner Jackentasche zu kramen.

„Ich habe da etwas für Dich, meine Rose.“ Er zieht ein Schmuckkästchen hervor. Behutsam öffnen seine Finger das Kästchen und dann strahlt ein Diamantring vor ihren Augen.

In dem Moment entsteht die Frage: Wer strahlt mehr, der Schmuck oder die Dame?
„Ich möchte Dich fragen, Sandra Meiergruber, willst Du meine Frau werden?“
Sandra strahlt noch mehr und aus ihren wunderschönen Augen, fließen die Tränen wie strahlende Diamanten.

„Ich habe gestern Nacht in die Sterne geguckt und ich bin mir sicher, ich habe eine Sternschnuppe gesehen. Ich kann es kaum fassen, am nächsten Morgen erfüllt sich mein lang ersehnter Traum. Ja! Ja! Natürlich will ich.“
Sie zieht ihn an sich heran und sie küssen sich heiß und innig. In einem kurzen Augenblick zwischen ihren Liebkosungen, streift ihr Christian den Ring an den Finger.
Sandra betrachtet immer wieder ihren Ring. Alle ihre verzweifelten Stunden der Vergangenheit sind wie im Rausche dahin. Sie schwebt auf Wolken und ist so richtig rundum glücklich.

„Es ist Sonntagmorgen Christian und ich würde gerne in ganz Linz meinen Ring zeigen, außerdem habe ich Hunger. Ich habe ganz vergessen Dir zu sagen, ich bin in anderen Umständen.“ Sie hebt ihre Hand zum Schwur. „Ich weiß es erst, seit ich bei der Frauenärztin war.“

Christian lacht laut und gibt ihr einen Kuss.
„Was würde gnädige Frau von einem Brunch im ersten Haus am Platz halten?“
Sandra streichelt seine Wange. „Oh, das würden der gnädige Herr für mich tun?“
Christian sagt ihm Brustton der vollen Überzeugung.
„Für Dich meine Rose ist mir kein Weg zu weit und nichts zu teuer. Außerdem vielleicht wird es ein Mädchen, schauen wir Mal. Ich bin auf jeden Fall total begeistert.“

Sandra lächelt glücklich. „Auf was warten wir noch?“
Sie gehen händchenhaltend durch die Innenstadt und am liebsten würde Sandra ihr Glück in die Welt hinausschreien.

Nein! Sie will lieber ihr Glück für sich selbst behalten. Es hinaus zu brüllen in den Tag, könnte auch bedeuten das Glück wieder zu verlieren, da schweigt sie dann doch lieber.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans „Das Chaos“

Freitag, 31. Dezember 2010

Sizilianische Liebe

Sizilianische Liebe

Viele Weg führen nach Rom und andere nach Sizilien. Ich war hingegen so pleite, keiner meiner Wege würde noch in weite Ferne führen. Ich sah an einem Freitagnachmittag zu meinem Küchenfenster hinaus, der Regen klatschte gegen die Scheibe. Das hob nun überhaupt nicht meine Laune. Es stand mir eine Menge Ärger bevor. Ich hatte nämlich für die letzten beiden Monate keinen Unterhalt mehr gezahlt. Das lag nicht allein an mir, mein Verleger hatte Insolvenz angemeldet. So saß ich eben auf dem Trockenen, ich schrieb zwar für einige Zeitschriften, doch erstens gab es dafür nicht das große Geld und zweitens hieß es auch hier Geduld mitbringen. Ich beschloss, mein letztes Bargeld in die Pizzeria meines Freundes Riccardo zu tragen.

Im strömenden Regen führte der Weg hinüber zur Pizzeria. Riccardo blickte kurz auf, als ich den Raum betrat, und lachte mich an. Seine Frau Sofia packte mich hingegen gleich am Arm und zog mich zu einem der Tische. An dem Tisch saß ein älterer, freundlicher Herr und lächelte mich an. „Sie also sind der Schriftsteller, Alex Blau. Nehmen Sie bitte Platz. Ich möchte mit ihnen sprechen. Mein Name ist Francesco Santini. Ich bin der Vater von Riccardo und komme aus Sizilien wegen eines persönlichen Anliegens.“ Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Was wollte er wohl von mir? Herr Santini stellte ein Glas vor mir ab und füllte es mit Rotwein. „Sehen Sie, ich, bin ein einflussreicher Mann und ich möchte meine Memoiren schreiben. Ich benötige hierfür allerdings einen Schreiber, der sowohl flüssig im Stil wie auch unterhaltsam schreibt. Ich dachte an Sie.“ Er erhob sein Rotweinglas und prostete mir zu. Ich erhob ebenso mein Weinglas und wir ließen die Gläser klirren. Der Gedanke die Memoiren eines Mannes zu schreiben erweckte nicht gerade große Freude in mir. Ich fragte mich, welche Vorstellungen er wohl hatte vom Erfolg seines Unternehmens. Santini stellte sein Glas auf den Tisch und lächelte mich entwaffnend an. „Sehen Sie, ich kann mir vorstellen, Memoiren sind nicht aufregend. Ich biete Ihnen einen Vorschuss von 5.000 Euro und hier.“ Er griff in seine Jackentasche und zog ein Flugticket hervor. „Dieses ist das Flugticket, sie müssten mich am morgigen Tag schon begleiten.“

Hoppla dachte ich, dieser Deal ging aber megaschnell. Das musste einen Haken haben. Auf der anderen Seite brauchte ich dringend das Geld. Ich musste meiner Exfrau noch zwei Monate Unterhalt zahlen und deshalb gab es wohl nicht viel zu entscheiden. „Wie sieht es mit einem Vertrag aus?“ Francesco Santini winkte ab. „Wir brauchen keinen Vertrag. Sollten wir nicht zu einem Ergebnis kommen, dann betrachten Sie das Geld als Entschädigung für ihren zeitlichen Aufwand.“ Ich sah ihn an und nickte zustimmend. Was mochte es wohl heißen, sollten wir nicht zu einem Ergebnis kommen? Egal, für mich zählte erst einmal die Rettung. Herr Santini bewirtete mich vorzüglich und so blieb ich lange an diesem Abend in der Pizzeria. Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich und eilt zur nächsten Sparkasse. Ich zahlte 4.000 Euro auf mein Konto ein, dann marschierte ich zurück in meine Wohnung. Am nächsten Morgen überwies ich den Unterhalt an meine Exfrau über meine Onlinebanking Verbindung. Anschließend packte ich einen Koffer für meinen Flug nach Sizilien. Gegen Mittag fragte ich mich, ob ich überhaupt das Richtige tat, doch der Gedanke an das Geld ließ meine Zweifel verfliegen.

Ich traf Francesco Santini am Abfertigungsschalter der Fluglinie. Meine Erwartung der Mann würde mir etwas aus seinem Leben erzählen wurde enttäuscht, stattdessen las er Wirtschaftsnachrichten. Der Flug nach Sizilien verlief ebenso schweigend. Am Flugplatz erwartete uns bereits ein Chauffeur und unsere Reise führte aus der Stadt auf das Land. Plötzlich begann Santini zu reden. „Jetzt mein Freund fahren wir in das wirkliche Sizilien. In Sizilien hat es ein Großteil der Bevölkerung schwer, die Menschen leben in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen. Das war schon immer so und früher gab es deshalb sogar Aufstände. Ein Großteil der Sizilianer wanderte deshalb aus. Ihr Weg führte sie in die Welt doch im Herzen blieben sie Sizilianer. Das kann nur jemand verstehen, der hier geboren wurde und dieses Land liebt. Sizilien ist ein Schmelztiegel und am besten spürst du es an unseren Kochtöpfen. Wir haben eine der besten, gesündesten und schlichtesten Küchen der Welt. Wir haben gelernt, von unseren Eroberern das Gute zu behalten und das Schlechte nicht anzunehmen.“ Der Wagen fuhr durch eine Einfahrt und es dauerte noch ein wenig, bis wir an das Haus gelangten. Was heißt hier schon Haus, es war eine Villa.

Francesco stellte mir seine Frau Eleonora vor und einige Verwandte, die wohl seine Rückkehr erwartet hatten. Die Frau des Hauses führte mich zu meinem Zimmer und zeigte mir die Ausstattung, danach ließ sie mir Zeit, mich für das Abendessen umzuziehen. Während ich mich umzog, nahm ich die Gerüche wahr. Es waren die ersten Wegbegleiter einer anderen Welt. Ein Blick von meinem kleinen Balkon stimmte mich glücklich. Es war genau die passende Zeit, in der die Sonne ihr schönstes Licht ein letztes Mal über die Welt sendete, ehe sie sich zum Schlafe legte. Ich war fasziniert von diesem Moment und am liebsten wäre ich gar nicht mehr auf diese Welt zurückgekehrt, so sehr war ich mitten in einem Tagtraum gefangen, voller Zärtlichkeit und Sanftmut.

Ich hörte weder das Klopfen an meiner Zimmertür noch bemerkte ich die Person in meinem Rücken, einzig und allein der dezente Geruch eines Parfüms, welches mich an Mill erinnerte, irritierte mich ein wenig. Eine zarte Hand legte sich auf meine Schulter und eine betörende Frauenstimme flüsterte mir die Worte ins Ohr. Ich verstand nicht ihren Sinn, ich hörte nur auf die Melodie ihres Tonfalls und musste eingestehen, diese Stimme fesselte mich. Langsam fast im Zeitlupentempo drehte ich mich um, dann trafen sich unsere Augenpaare. Es waren zwei Augen, die glänzten wie die Sterne, klar wie ein Kristallsee in den Bergen. Ihr Haar war schwarz und ihr Gesicht strahlte voller Wärme, ihr Mund war lieblich und die Gesichtszüge zeigten die Reife einer wunderschönen Frau. Hätte ich geschrieben der Blitz, schlug ein oder ich war plötzlich von Sinnen, ich war sicher nicht mehr bei klarem Verstand. „Haben Sie mich nicht gehört? Ich habe an der Tür geklopft, mein Vater meinte ich solle sie rufen. Wir warten auf der Terrasse oder haben Sie etwa keinen Hunger?“ Natürlich hatte ich Hunger, es dürstete mich nach Leben und Frohsinn. Hatte ich mich etwa so plötzlich verliebt? Nein! Das konnte nicht sein, ich war hier, weil ich ein Buch schreiben sollte.

„Mein Name ist Alessia.“ Sie reichte mir ihre zarte Hand und ich ergriff sie behutsam, so als würde man mir Juwelen reichen. Ich stammelte so einen Mist. „Ich bin entzückt. Sie haben einen sehr schönen Vornamen. Ich heiße Alex Blau.“ Das war wohl die platteste und dümmste Anmache aller Zeiten, es fehlte mir aber tatsächlich in diesem Augenblick an der Klarheit und Brillanz meiner Gedanken und so gereichten meine Worte eben nur zu einer seichten Kommunikation. Wie konnte ich auch außerdem auf die Idee kommen dieses zarte Geschöpf würde an mir Interesse entwickeln. Schlagartig war mir bewusst, ich war nur ein Schriftsteller, sie aber war die Göttin Aphrodite aus einer anderen Welt. Nie würde es mir gelingen in dieser Welt Beachtung zu finden. Ich spürte einen leichten Herzschmerz, als ich ihr zur Treppe folgte. Während Alessia die Treppe hinab schwebte, kam ich mir wie ein Bauernlümmel vor.

Ich setzte mich an den mir zugewiesenen Platz und meine Angebetete saß genau neben mir. Ich versuchte mich an diesem Abend zu konzentrieren, nichts falsch zu machen und keine Gefühle zu zeigen. Ich verkroch mich geradezu in mein Schneckenhaus und hoffte niemandem würde meine Pein auffallen. Natürlich fiel ich auf, Francesco grinste verschmitzt und seine Frau lächelte mich ständig freundlich an. Einige Mal berührte Alessia mich, legte ihre Hand auf meinen Handrücken und bat mich ihr Dinge vom Tisch zu reichen. Es war als würde ich Stromschläge verpasst bekommen, Gefühle wallten durch meinen Körper und eine Gluthitze erfasste mein Herz. Francesco kam zu mir herüber und fragte. „Wollen wir zwei noch einen kleinen Spaziergang machen oder willst du lieber mit meiner Tochter den Sternenhimmel genießen?“ Hatte ich mich so daneben benommen? War es mir nicht gelungen, meine Gefühle für mich zu behalten? In diesem Augenblick spürte ich eine leichte Röte auf meiner Visage und ich hasste mich dafür. Alessia hingegen lächelte ihren Vater an. „Vater du bist doch sicher müde. Ich denke meine Wenigkeit wird unserem Gast noch unser Land zeigen. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich ihn gerne Morgen zu einer Wanderung entführen.“ In mir regte sich ein letzter Versuch, sich meinem nahenden Schicksal zu entziehen. „ Das ist zwar nett von ihnen Alessia, ich denke nur ich sollte langsam anfangen, die Memoiren ihres Vaters zu schreiben.“ Francesco Santini klopfte mir auf die Schultern. „Entspanne dich Alex, das Buch hat doch noch Zeit. Große Ereignisse brauchen ihre Zeit um zu reifen. Du musst erst Sizilien kennenlernen, ehe du schreiben kannst. Uns läuft doch die Zeit nicht davon, wir müssen sie eben nur richtig und sinnvoll nutzen. Meine Tochter ist eine sehr begabte Architektin. Übrigens ist meine Kleine die beste Partie weit und breit.“ Das mochte wohl so sein aber bestimmt nicht für mich.

Ich beschloss, am nächsten Tag nach unserer Wanderung mit Francesco zu sprechen. Es schien mir wichtig ihm die Wahrheit zu sagen. An diesem Abend verlor ich unter dem sizilianischen Sternenhimmel gänzlich mein Herz. War es die atemberaubende Fee an meiner Seite, war es der Duft, welcher in der Luft lag oder war es die klare Nacht voller glitzernder Sterne, ich hatte mich unsterblich verliebt. Der nächste Tag führte Alessia und mich an einem trocken, heißen Sommertag durch eine die Sinne berauschende Landschaft. Die Vegetation war unbeschreiblich, Wildblumen wie Jasmin, Mimosen und Orchideen wuchsen entlang unseres Weges. Überall waren Wildkräuter und ihr Aroma lag in der Luft. Sie führte mich zu Gummibäumen, Bananenstauden um anschließend unter Olivenbäumen mit mir zu sitzen. Sie sprach und ich hörte zu, meine Augen hingen an ihren Lippen. Am liebsten hätte ich sie geküsst, doch dazu fehlte mir der Mut.

Eine innere Stimme rief mich zur Vernunft auf, ich sollte ihr weder Schmerz noch Leid zufügen, es war mein stilles und leises Leiden. Am Abend suchte ich das Gespräch mit Fancesco. Er ließ mich nicht zu Wort kommen, stattdessen sagte er mir es wäre im Moment keine Zeit. Wir würden in der kommenden Woche am Samstagnachmittag miteinander reden. Er habe extra ein Boot für dieses Gespräch geordert. Ich solle mich doch an Alessia halten, die wisse schon, was zu tun wäre.

In meinem Zimmer wurde mein Laptop ausgepackt und ich begann mir meinen Frust von der Seele zu schreiben. Die Frage war doch: Konnte diese Situation noch gerettet werden? Alessia ließ mir keine Zeit, rein zufällig kam sie in mein Zimmer. Ich sollte sie zu den Arabern begleiten. Araber? Pferde, was denn sonst. So verbrachte ich auch diesen Abend mit Alessia. Die folgenden Tage litt ich die höchsten Qualen, die Liebe hatte mich in Brand gesetzt und ich drohte, daran innerlich zu verglühen. Während mich die Frau durch die Blütezeit der Insel führte und ich den kulinarischen Genüssen erlag, wünschte ich mir insgeheim diese Zeit möge nie vergehen.

Am Samstag war es dann so weit. Wir fuhren zum Meer und bestiegen ein großes Schiff. Es war festlich geschmückt und alles sprach für ein großes Ereignis. Alessia flüsterte mir zu. „Vater hat heute Geburtstag.“ Das war wieder so ein Moment, an dem ich vor Scham fast im Boden versank. Ich hatte kein Geschenk für ihn, das war mir sehr peinlich. An Bord des Schiffes wurde mir ein Platz am Tisch Francescos zu gewiesen und wieder saß ich neben Alessia. Ich war so mit den Eindrücken beschäftigt und so entging mir das Ablegen des Schiffes. Auf See wurden erst einmal Reden geschwungen, wie es bei solchen Anlässen üblich war. Irgendwann gelang es mir, das Geburtstagskind für einen Augenblick ungestört zu erwischen.

Wir standen am Heck des Schiffes sahen hinaus auf das Meer und ich erzählte ihm die Wahrheit. Er legte seine Hand auf meine rechte Schulter. „Ich habe von meinem Sohn schon Deine Geschichte gekannt und ich habe nur darauf gewartet, dass Du mir es selber erzählst. Du bist ein anständiger Mensch. Willkommen in meiner Familie.“ Er umarmte mich. Was sollte dies nun heißen? Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, Riccardo und Sofia, verwickelten mich in ein Gespräch. Geschickt bugsierten sie mich zurück an meinen Tisch. Ich setzte mich und Eleonora gab mir einen Kuss auf die Wange.

Francesco kam an den Tisch. „Es wird langsam Zeit, das ein alter Sizilianer seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. Meine Tochter ist nun schon vierzig Jahre und immer noch unverheiratet. Ich will nicht sagen, es sei eine Schande. Nein! Ich liebe meine Tochter und ich gebe sie nur in gute Hände ab. Es wird langsam Zeit, meine Memoiren zu schreiben. Was meinst Du dazu Alex?“ Ich zuckte verlegen mit den Schultern. „Ich stimme natürlich zu.“ Francesco nickte. „Das heißt Du wirst meine Tochter zur Frau nehmen. Sie ehren, achten, respektieren und Ihr treu sein?“

Ich war sprachlos. Was geschah hier? Wie konnte er einem Menschen wie mir einen solchen Diamanten anvertrauen? Verzweifelt suchte ich nach einem Strohhalm. „Lieber Francesco, ich kann doch keine Frau heiraten ohne ihr Einverständnis.“

Alessia beugte sich zu mir herüber und gab mir einen langen, zärtlichen Kuss. Ich konnte nicht anders, aber jetzt brachen alle meine Dämme auf einmal. Ich hielt sie eng umschlungen und ich ließ sie so schnell nicht mehr los. Einige Zeit später trennten sich unsere Lippen und Alessia flüsterte mir ins Ohr. „Glaubst Du wirklich mein Vater verheiratet mich, ohne vorher sich genau zu informieren, wenn ich mir da anlache.“

Eleonora liefen Tränen der Freude die Wangen hinab. Francesco hingegen klatschte in die Hände und alle Stimmen waren schlagartig still. „Ich, Francesco Santini, der alte Sizilianer, verkünde euch Allen mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Meine Tochter Alessia und Alex werden heiraten.“

Die ganze Familie freute sich. Ich hatte geglaubt, mir ausmalen zu können, wie Sizilianer feiern, aber die nachfolgenden Stunden zeigten mir eine überschwängliche pure Lebensfreude. Francesco sagte irgendwann zu mir. „Alex, jetzt haben wir dann doch noch schnell meine Memoiren geschrieben.“

Ich schaute ihn erstaunt an. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde meine Memoiren schreiben? Es war nur ein Vorwand um dich auf diese Insel zu entführen. Es sei mir verziehen.“ Ich strahlte über mein ganzes Gesicht vor Freude und Glück. „Ich glaube es war die sinnvollste Entführung meines Lebens. Ich werde meine neue Freiheit unter der Sonne Siziliens und an der Seite meiner sizilianischen Liebe genießen.“

Eleonora klatschte freudig in die Hände. „Das heißt, Du bleibst hier auf der Insel.“ Ich nickte. „Gibt es einen schöneren Ort für die Liebe und das Leben?“ Alessia und ich heirateten im Herbst dieses Jahres. Im Jahr darauf waren wir schon zu dritt.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Samstag, 4. September 2010

Chantal meine Rose

Chantal meine Rose

Es geschah an einem normalen Samstagnachmittag, an einem ganz gewöhnlichen Tag Ende Juli. Ich hatte immer geglaubt wir wären anders, besser in der Beziehung als diese ganzen Zeitreisenden. Ich dachte unsere Beziehung hält ein Leben. War wohl ein großer Irrtum.
Ich hatte Chantal als junge Studentin kennengelernt, sie war aus Biarritz, das liegt an der französischen Atlantikküste, nach Deutschland gekommen.
Wir hatten uns gleich heftig ineinander verliebt. Wir schwebten auf Wolken und trotz unserer bescheidenen Verhältnisse lebten wir wie die Fürsten.
Chantal konnte kochen, sie zelebrierte geradezu die größten Menüs auf unseren bescheidenen Tisch.
Ich verdiente mir während des Studiums mein Geld mit Taxi fahren und Pizza ausliefern.
Meine Chantal hingegen schlug sich immer erfolgreicher als Fotografin durch die Gegend.
Eines Tages eröffnete sie mir, das Studium ist vorbei. Jetzt arbeite sie nur noch als Fotografin. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, ich konnte sie mir eigentlich nie so richtig als Anwältin vorstellen.
Ihre Fotos erschienen bald auf den wichtigsten Zeitschriften der Welt. Sie hatte es geschafft, damit sahen wir uns nur noch selten. In manchen Jahren sogar nur alle drei, vier Wochen und in ganz schlechten Jahren, auf dem Flugplatz, während wir entgegengesetzt eincheckten.
Wir haben trotzdem geheiratet, und wie mir schien, waren wir sogar dreißig Jahre glücklich. Bis zu diesem Samstagnachmittag!
Vielleicht sollte ich diesen Tag ganz aus dem Leben streichen. Würde dies etwas ändern? Sicher nicht.

Chantal kam in mein Arbeitszimmer und setzte sich vorsichtig in den Sessel. Leise sagte sie.
„Harald ich muss mit dir reden.“
Ich blickte von meinem Buchmanuskript hinüber zum Sessel, aus dem mich eine bleiche Chantal ansah.
„Was gibt es meine Rose? Du siehst blass aus.“
„Ja, ich fühle mich nicht wohl. Ich fliege Morgen nach Tokio und mache Aufnahmen für einen Automobilkonzern. Auf dem Rückflug lande ich in London. Ich werde wohl für einige Zeit in London bleiben.“
Solche Offenbarungen aus dem Munde meiner Frau war ich gewohnt. Ich verstand nur nicht weshalb sie nicht von London am Wochenende nach Hause kommen wollte.
Schließlich lag London gerade Mal zwei Flugstunden von uns entfernt.
„Du verstehst mich wohl nicht. Ich werde vorerst ganz in London bleiben. Ich habe dafür persönliche Gründe.“
Sie reichte mir ein Foto. Ein junger Mann war darauf zu sehen. Sie nannte seinen Namen und sein Alter, ich habe es nicht gehört und ich wollte es nicht hören.
Mist! Einfach nur Mist! Wie konnte ich nur so naiv sein und glauben wir wären ein ideales Paar. Lächerlich! Wir waren nicht besser oder schlechter, wir waren genauso unfähig, unsere Liebe durch ein Leben zu tragen.
Wer daran die Schuld trägt? Mein Gott, beide und das Leben. Es bleibt nicht, wie es ist, jeder Tag bedeutet Veränderung und jede Veränderung bedeutet Gefahr für die Liebe. Das fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen.
Wahrscheinlich hatte ich, der seine Frau immer noch liebte, nicht gemerkt, wie sie sich von mir entfernt hatte.
Schweigend stand ich auf, verließ den Raum und ging nach oben in unser Schlafzimmer.
Zum ersten Mal spürte ich mein Alter, zumindest schaffte ich kaum die Treppenstufen hinauf. Mühsam packte ich drei Koffer und wusste überhaupt nicht, wo meine Reise hinging. Ich war gerade fertig geworden, da stand Chantal in der Tür und fragte mich erstaunt.
„Du packst? Was hast du nun vor?“
Ich blickte sie kurz an und mein Herz blieb fast stehen. Der Schmerz war groß und ich hatte das Gefühl mein Herz begann gerade zu sterben. Ein letztes Mal sogen meine Augen diese Frau auf, das kurze, blonde Haar. Die funkelnden, strahlenden Augen, gleich einem Bergkristallsee an einem wunderschönen Sommerabend. Die zarte Haut mit einem leichten Braunton. Diese Lippen, sie luden geradezu zu einem Kuss ein, stattdessen sagte ich nur einsilbig.
„Ich werde in unser Haus nach Livorno fahren.“
Chantal sah mich vollkommen überrascht an.
„Du willst in die Toskana? Was wird aus dem Haus hier, wenn ich nicht da bin?“
Das war mir vollkommen gleichgültig, überhaupt war mir alles egal geworden. Ich hätte tot umfallen können und damit die einfachste Lösung für alle Beteiligte schaffen können.
Nichts dergleichen geschah, da machte der liebe Gott nicht mit. Das Leben hast du dir eingebrockt, löffele es auch bis zum bitteren Rest aus.
Ich ließ meine völlig überraschte Chantal stehen und ging mit meinen drei Koffern aus dem Schlafzimmer.
In der Garage verstaute ich mein Gepäck im Wagen. Danach fiel mir ein, vielleicht holte ich besser aus dem Vorratskeller noch ein paar Konserven mit.
Ich war mir nicht sicher, inwieweit wir noch Vorräte in unserem Haus in Livorno hatten.
Während ich meinen Proviant in den Kofferraum verstaute, stand Chantal hinter mir.
Kennen sie das Temperament der Frauen aus Südfrankreich?
Die Südländer sind mit deutlich mehr Feuer unter dem Hintern ausgestattet als die Nordländer.
„Was denkst du dir eigentlich? Ich werde dir keine Träne nachweinen! Du hast bestimmt eine Andere!“
Blödsinn, sie hatte doch schon einen Neuen, was sollte der Zirkus jetzt noch.
„Was wirst du in Livorno tun?“
Ich sah ein, ich musste ihr schleunigst eine Antwort geben.
„Ich werde auf die Effetto Venezia gehen, das Fest in dem Viertel hat mir schon immer gut gefallen.“
Chantal schaute mich an.
„Du gehst also auf dieses Fest, stimmt, das ist immer Ende Juli - Anfang August. Tue, was du nicht lassen kannst.“
Sie stemmte demonstrativ ihre Hände in die Hüften und ließ deutlich vernehmbar Luft ab. Das war fast, wie das Zischen einer Schlange, bevor sie zum Biss ansetzte.
„Ich werde mir eine Bordatino mit Polenta gönnen, anschließend nehme ich Triglie alla Livornese mit einer würzigen Tomatensauce. Zum krönenden Abschluss leiste ich mir noch ein, zwei, drei Ponce alla Livornese.“
Chantal lachte mich schallend aus.
„Und anschließend hängst du, dank dem starken Kaffee mit Rum, besoffen in der Ecke rum. Ich gebe dir einen guten Rat, lasse auf alle Fälle deinen Wagen stehen. Italienische Gefängnisse sind keine Erholungsheime.“
Was kümmerte sie sich noch um mein Schicksal. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte.
„Was machst du nun wirklich in Livorno?“
Ich log sie einfach an, damit ich meine Ruhe hatte.
„Ich recherchiere für ein Drehbuch, das Fernsehen will dort unten einen Film über das Leben der Medici drehen. Immerhin stellte für die Florentiner der Hafen von Livorno, einen der wichtigsten Zugangswege zum Meer dar. Ich habe den Auftrag das Buch zum Film zu liefern.“
Chantal sah mich traurig an.
„Dann ist ja alles klar!“
Ich nickte und stieg in meinen Wagen und fuhr an einem späten Samstagnachmittag aus meinem bisherigen Leben davon.
Klar war überhaupt nichts und ich gebe es auch unumwunden zu, ich heulte auf der Autobahn meiner großen Liebe nach. Noch schlimmer, immer wieder starrte mich dieser traurige Blick meiner Frau aus dem Rückspiegel an. Ja, ich liebte diese Frau, noch immer und ich hätte ihr sogar ohne Probleme eine Romanze verziehen. Wir hatten zwar nie über Treue gesprochen, doch für meinen Teil, war ich noch so verliebt in meine Chantal wie am ersten Tag.
Warum kämpfte ich dann nicht?
Ich wollte mir meine Liebe nicht nehmen lassen, besser eine Liebe im Herzen still mit sich tragen, als einen gigantischen Scherbenhaufen zu hinterlassen.
Jeder Kilometer meiner Fahrtstrecke trug mich scheinbar ein Stück weiter von ihr fort.
So fuhr ich an einem Sonntagmorgen in der Frühe, auf den Weg, zu unserem Haus in Livorno.
Im Süden ist das Leben anders, es ist irgendwie leichter.
Ich stieg aus dem Auto aus, ging zur Terrasse unseres Hauses. Das Haus liegt an der Steilküste zwischen Livorno und Quercianella.
Ein herrlicher Blick auf das Meer und die Sonne strahlte an diesem Sonntagmorgen und ich bildete mir ein, mein Leben wäre gut.
Ich packte meine Koffer aus und stellte zu meiner Zufriedenheit fest, unser Vorratskeller war gut bestückt, sogar die Tiefkühltruhe war voll.
Das hätte mir zu denken geben müssen!
Stattdessen nahm ich, was ich brauchte und bereitete mir in der Küche etwas zu essen. Natürlich hatte ich mir eine Flasche Rotwein geöffnet. In dieser Gegend war es der Chianti, von der Sonne verwöhnt, half er über meinen Weltenschmerz hinweg.
Es war mir nicht nach Feiern, es war mir nicht nach saufen; aber irgendwie musste dieses Leben doch weitergehen.
Ich setzte mich auf die Terrasse und würde dort vielleicht auch sterben, ja ich würde für den Rest meines Lebens einfach hier bleiben, sollte mir die Welt dort vor der Tür doch den Buckel hinunterrutschen.
In meinen Laptop hämmerte ich, in den nächsten Tagen und Wochen, die Geschichte von meiner Frau und mir.
Ich sparte keine Details, nicht den Sex im Garten oder in der Flugzeugtoilette. Das wir in den USA fast im Gefängnis gelandet wären, weil wir uns nicht an die Missionarsstellung gehalten hatten. Ich sparte auch nicht die Stelle aus, als wir fast im Parkhaus eines Flughafens erwischt wurden. Ein Leben zwischen Tür und Angel, läuft nun Mal nie ganz normal ab.
Die beste Therapie scheint immer noch die Arbeit zu sein.
Mein Leben aber verdanke ich wohl, Lorenzo und seiner Frau Maria. Die guten Seelen hatten nach dem Haus und dem Garten gesehen und mich dabei schlafend auf dem Terrassentisch vorgefunden.
Maria ist fast erschrocken, so viele leere Flaschen. Sie meckerte, wie ein Mensch nur so unvernünftig sein könne. Ja, ich hatte natürlich den Tag und die Nacht nicht mehr unterschieden.
Wie konnte ich besoffen noch schreiben?
Ich weiß es wirklich nicht! Es waren eine Menge Korrekturen erforderlich, als ich wieder nüchtern war.
Obwohl Maria für mein leibliches Wohl sorgte, mein Herz war tot. Ich liebte immer noch meine Chantal und jeder Tag wurde für mich zu einer neuen Qual.
Ihr Duft schwebte durch den Raum, jede Kleinigkeit erinnerte mich an sie und dann wusste ich plötzlich wieder, warum ich so gesoffen hatte.
Auf unserem Kamin stand das Foto von diesem Milchgesicht!
Ich brachte es nicht über das Herz, dieses Foto gegen die Wand zu schleudern und es in Stücke zu schlagen.
Das kam mir irgendwie nicht gut vor. Ich denke, das versteht keiner; aber ich liebte meine Frau. Ich wollte ihr nicht wehtun.
Es war gut sechs Wochen später und der September brachte die ersten zarten Hinweise auf den nahenden Herbst.
Mein Leben war nicht besser geworden, ich versuchte krampfhaft einen Neuanfang zu finden; aber irgendwie schwebte ich in einem luftleeren Raum. Alle Versuche von der Stelle zu kommen, scheiterten kläglich.
Am Sonntag der dritten Septemberwoche geschah es. Meine Angst vor diesem Zusammentreffen hatte mich die ganze Zeit festgehalten.
Vor mir stand die blühende Rose und ich war die eingehende Primel.
Es war soweit, das Grand Finale unserer Beziehung läutete sich ein. Sie war gekommen und sicher wollte sie die Scheidung.
Ich stand an der hohen Mauer und blickte hinab auf das Meer, während sie in meinem Rücken stand.
„Kriege ich nicht einmal einen Begrüßungskuss nach so langer Zeit?“
Das wagte sie sich, mich zu fragen? Ich traute meinen Ohren nicht, sollte sie sich doch mit ihrem Jüngling abgeben.
Ich drehte mich um ging auf sie zu und gab ihr links und rechts einen zarten Hauch auf die Wange.
Das schmerzte mich nun noch viel mehr, immerhin hat sie eine zarte Haut und sie roch so wunderbar, auch ohne ein Parfüm. Obwohl sie meist einen leichten Hauch von Chanel dezent hinter ihre Ohren legte.
„Was ist eigentlich los mit dir, Harald? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Bist du etwa sauer?“
Das war wohl der Gipfel.
„Ich und sauer, keineswegs. Ich gönne dir dein Glück von Herzen! Du hast es dir verdient, meine Rose.“
Chantal setzte sich auf einen der Terrassenstühle schlug die Beine übereinander. Das tat sie immer, wenn sie mich reizen wollte und sie verstand es, mich immer in ihren Bann zu ziehen. Ich war einfach verrückt nach ihr.
„Sonst haben wir erst einmal Sex gehabt nach so langem Entzug. Willst du mich etwa bestrafen?“
Ich war baff, ich war schockiert, ich war erregt.
Tja, es war mir egal und wie. Ich flog auf meine Frau zu und dann küssten wir uns, leidenschaftlich hemmungslos wie immer. Wir rissen uns gegenseitig die Kleider vom Körper und liebten uns auf den Marmorfliesen unserer Terrasse. Es war voller Erregung, Zärtlichkeit und Vertrautheit. Wir verschmolzen miteinander und in ihrer Erregung, zerkratzte sie mir den Rücken.
Anschließend lagen wir nackt nebeneinander auf den Fliesen und starrten in den Himmel.
„Kannst du mir jetzt endlich sagen was los war Harald?“
„Dein jugendlicher Held hat mich leicht aus der Fassung gebracht.“
Chantal kicherte wie ein junges Mädchen.
„He, du bist ja eifersüchtig. Mein Gott, ist das süß. Eine größere Liebeserklärung kannst du mir gar nicht machen.“
Ich schaute sie voller Überraschung an.
Sie zwickte mich in die linke Brust.
„Blödmann! Das war Mark, der Junge auf den ich die ganzen Jahre aufgepasst hatte, nach dem Tod seiner Mutter.
Leider war ich darin nicht so gut, er ist letzte Woche an Aids gestorben.“
Ich schaute meine Frau an.
„Du meinst, es war der Sohn von diesem Modell, Alexandra?“
„Ja, genau der, du Dummerchen. Ach ich liebe dich, du hast aber auch manchmal verrückte Ideen.“
„Chantal?“
„Ja, mein Liebster.“
„Wollen wir nicht endlich einmal einen langen gemeinsamen Urlaub machen.“
„Au fein, was würdest du zu einer Kreuzfahrt um die Welt sagen?“
Ich lachte und gab ihr zärtlich eine Kuss.
„Ich fahre mit dir überall hin, meine Rose.“
Chantal grinste erfreut.
„Im Moment reicht mir die Kreuzfahrt, die habe ich nämlich schon gebucht. Eine ganze Suite für uns allein.“
Ich erhob meinen Oberkörper und stellte fest, aus dieser Position konnte ich nicht das Meer sehen. Damit war die Frage für mich geklärt, wir fuhren um die Welt.
Übrigens das Glück hat uns auch auf dieser Kreuzfahrt nicht verlassen. Wir nehmen uns jetzt endlich die Zeit für unser gemeinsames Leben und es war noch nie so schön und verrückt wie heute.

© Bernard Bonvivant

Autor des Romans « Das Chaos »