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Mittwoch, 26. Januar 2011

Die goldene Sonne Kaliforniens

Die goldene Sonne Kaliforniens

Ich kam 1823 als Gustav Friedrich von Freyenhausen zur Welt. Früh schon hielten meine Eltern mich für einen Taugenichts. Ich hatte viele Ideen in meinem Kopf doch leider passten sie nicht zu meinem Stande. Im Jahre 1843 hatte mein werter Vater endlich die Schnauze voll von mir. Er buchte ohne mein Wissen eine Schiffspassage in die neue Welt, verfrachtete mich zum Kai. Versehen mit einer bemerkenswerten Abfindung sollte ich mein Glück in der neuen Welt suchen.

Offenbar hatte der alte Herr doch Gewissensbisse seinen zweiten Sohn so einfach in die Welt zu werfen. Zu meiner Schande musste ich eingestehen, es hatte mich nicht im Geringsten gereut zu gehen. Mein alter Herr hatte es dennoch für notwendig gehalten, mich nach Kalifornien zu einem alten Freund zu schicken. Der werte Herr hatte einen Zeitungsverlag in San Francisco.

Ich war bei meiner Ankunft ein wenig enttäuscht, San Francisco hatte nicht einmal 1.000 Seelen zu bieten. Das Amüsement war eher bescheiden und die Damen auch nicht gerade die erste Wahl. In meinem Hotelzimmer waren die Wanzen und es war keineswegs als sauber zu bezeichnen. War ich etwa in der Welt des Teufels gelandet? Nein!

Es sollte noch viel schlimmer kommen, doch dies wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. So begab ich mich zu meinem Antrittsbesuch bei diesem Verleger. Ich hatte eigentlich eher den Müßiggang und die Lasterhaftigkeit auf meine Fahne geschrieben. Leider musste ich gleich bei meinem Gespräch mit dem werten Verleger, einem Schweizer feststellen, mein alter Herr versuchte, meinem Drang einen Riegel vorzubauen. Das Ansinnen an mich war keineswegs unverschämt, ich sollte als Redakteur arbeiten und zusammen mit einem Fotografen vernünftige Artikel für die Zeitungen in Europa erarbeiten.

Der Fotograf hieß Maurice Chevalier und war wie der Name schon andeutete Franzose. Dieser Umstand machte ihn mir gleich sympathisch, ein Franzose verstand zu leben. Ich sollte noch lernen, dass es Unterschiede gibt in der Auffassung, wie man lebte.

Um es kurz zu machen, ich nahm die Herausforderung an. Mein größter Wunsch war es diesem Hotel zu entkommen und so musste ich mir dringend eine standesgemäße Unterkunft suchen. Es sollte sich in meinem Leben ein neues Dach finden auf eine äußerst originelle Art. Während ich wieder einmal enttäuscht von einer möglichen Wohnstätte zurück zu meinem Hotel lief, war das Schicksal an meiner Seite.

Erst roch ich ein angenehmes Parfüm und dann nahmen meine Augen eine Dame wahr. Ja, sie war eine Dame vom Kopf bis zum Fuß. Was ich noch sah, waren zwei Flegel, die sicher nichts Gutes im Sinn hatten. Sie hielten die Dame an und versuchten ihr den Weg zu versperren, dabei machten sie sehr eindeutige Angebote. Ein Mann mit Ehre und Anstand kann solches Treiben nicht tatenlos geschehen lassen.

Ich stellte mich den Herren vor und bat sie die Dame in Ruhe zu lassen. Es gelang mir dem ersten Schlag auszuweichen und dann stürzte sich einer der beiden Flegel auf mich. Es kam zu einer wilden Rauferei.

Unterdessen wollte der zweite Flegel der Dame unter den Rock fassen. Solches hätte er besser gelassen. Das nachfolgende Ereignis gereichte einer Dame zum Ruf als Miss Unnahbar. Die Dame trat ihn an seine empfindlichste Stelle und schlug ihm mit ihrer rechten Faust an die Schläfe. Der Bursche fiel wie ein Sack zu Boden.

Sein Kumpel ließ von mir ab und starrte überrascht auf den am Boden liegenden Freund. Eine Frauenstimme sagte laut und deutlich. „Wenn diese üblen Burschen nicht Land gewinnen, dann schieße ich euch die Männlichkeit ab!“

Sie hielt einen Revolver in der Hand und das Funkeln ihrer Augen und die Zornesröte in ihrem Gesicht, fand zumindest ich einfach nur toll. Eine Menschenmenge hatte sich mittlerweile gebildet und klatschte Beifall.

Miss Maureen hatte sich Respekt verschafft und nicht nur solches, die Männer ließen sie ab diesem Tage in Ruhe. Während die Menschenmenge sich auflöste und ich aus dem Dreck der Straße auferstand, überkam mich ein gewisses Gefühl der Scham.

Ich klopfte an meiner Kleidung den Staub ab, dann sah ich wie die Dame mich musterte. Verlegen suchte ich dem Blick auszuweichen.

„Herr von Freyenhausen macht es ihnen Spaß sich wie ein Schwein im Dreck zu wälzen?“ Es waren Peitschenhiebe und sie trafen bis auf das Knochenmark. Woher kannte sie meinen Namen? Sie winkte mich herbei wie einen Lakai. „Folgen Sie mir, immerhin ist eine Reinigung von Nöten.“

Ich folgte ihr in ein echtes Haus aus Steinen gemauert, ein herrschaftliches Gebäude. Eine schwarze Perle sah mich kopfschüttelnd an. „Miss Maureen, soll der etwa?“

Die Dame blickte sie streng an. „Ja! Der soll und ich möchte keine weiteren Kommentare hören. Herr von Freyenhausen hat schließlich für meine Ehre gekämpft.“

Ich wurde in eine Badewanne gesteckt, es war das schönste Gefühl seit meiner Abreise aus Europa, wenn ich etwas vermisst hatte; dann war es die geeignete Badestelle. Ich kleidete mich in neue saubere Kleidung. Woher sie kam, war mir in diesem Moment unwichtig. Einige Zeit später führte mich die schwarze Perle in den Salon.

Maureen Ó Cinnéide war die Tochter eines angesehenen Bankers mit irischen Wurzeln. Während ich ihre Schönheit bewunderte, reichte ihr Vater mir die Hand. Ich war so gefangen von diesem Anblick, dass ich dabei meine Umwelt vergessen hatte.

Wir speisten zu Abend und Mister Ó Cinnéide fand die Konversation mit mir sehr angenehm. Bei einem Glas Whisky vor dem Kamin nahm ich die Einladung in seinem Haus zu wohnen dankend an. Diese Entscheidung war wohl die Klügste in meinem ganzen Leben.

Während ich meine zarten Bande zu Maureen webte, brach um uns herum die Hölle los. Innerhalb von nur 2 Jahren wuchs unser San Francisco um das 25-fache. Das Zauberwort hieß Gold. Die Menschen stürmten unsere Stadt und die Kaufleute erhöhten die Preise.

Maurice Chevalier und meine Schreibkunst standen plötzlich hoch im Kurs. Unsere Berichte über den Goldrausch fanden reißenden Absatz. Erstaunlich war dabei, kein einziger Verlag fragte uns, wie es uns möglich war, so viele Nachrichten in die Welt hinaus zuposaunen. Alle Welt war nur noch fasziniert von dem glitzernden Gold.

Die Bank von Mister Ó Cinnéide wurde über Nacht zur mächtigsten Bank des Südens Amerikas. Das Leben hatte aber auch Schattenseiten zu bieten, in den Jahren 1849 bis 1851 brannte San Francisco insgesamt sechs Mal ab.

Na ja, nicht die ganze Stadt, aber die ganzen Holzhäuser und die dichtgedrängten Armenbehausungen schon. Maurice und ich hatten uns derweil so in die Arbeit gestürzt und begonnen die Welt mit Nachrichten zu versorgen, wir merkten nicht einmal mehr, wie die Zeit verflog.

Lediglich Maureen erinnerte mich an ein anderes Leben. Maureen hatte es plötzlich unheimlich eilig aus San Francisco zu ziehen. Sie bestand auf die Ehe und ein Haus außerhalb der Stadt. Zugegeben die Ehe war überfällig, nur mit dem Bau eines Hauses außerhalb der Stadt zögerte ich noch. Diese Frau kannte kein Erbarmen, alle meine Einwände wurden von ihr in der Luft zerpflückt.

Am Ende kam es, wie es kommen musste, wir bauten ein neues Haus weit von San Francisco weg. Wir zogen sozusagen auf das Land. Der alte Ó Cinnéide fand es gut. Mein Freund und Partner Maurice fand es schlecht. Er wollte nicht weg von seiner Stadt.

Die Nächte voller Abenteuer und ständig in den Armen anderer Frauen hatten ihm die Syphilis beschert. Ich war voller Dankbarkeit, Liebe und Wärme für jene Frau, die mir dieses Schicksal ersparte. Ich trug Maureen auf Händen, es war mir schlagartig bewusst geworden, welches großartige und einzigartige Geschöpf ich an meiner Seite hatte.

Wir wohnten jetzt auf dem Land und in der Stadt breiteten sich immer mehr die Flöhe und Ratten aus. Die Hygiene war in der schnellwachsenden Stadt kein Thema mehr.

Wie goldrichtig die Entscheidung meiner Frau war, wurde uns im Winter des Jahres 1851 vor Augen geführt. Ein Schreckgespenst hatte die Stadt ergriffen, die Cholera. Der Tod zog durch die Straßen und machte reichlich Beute. Er verschonte auch meinen Freund Maurice nicht.

Das Leid des einen, des anderen Freud. An diesem Spruch stimmte vieles, während ein Großteil der Bevölkerung in Kalifornien verstarb, ging es uns blendend.

Meine Frau gebar vier Kinder und ich hatte endlich beschlossen, anständig zu werden. Ich war in der Bank meines Schwiegervaters zum stellvertretenden Präsidenten aufgestiegen.

Unsere große Zeit kam erst. Wir bauten nun unsere Bank, das Bankhaus Ó Cinnéide & von Freyenhausen zu einer der mächtigsten Banken der Welt. Wir beteiligten uns an Minengesellschaften, Eisenbahnen und Fabrikationen. Die Nähe zum Pazifik brachte uns auf die Idee, uns eine Schiffsflotte zu zulegen.

So wurden wir ohne selbst nach Gold gesucht zu haben dennoch Gewinner des Goldrausches in Kalifornien.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Freitag, 31. Dezember 2010

Sizilianische Liebe

Sizilianische Liebe

Viele Weg führen nach Rom und andere nach Sizilien. Ich war hingegen so pleite, keiner meiner Wege würde noch in weite Ferne führen. Ich sah an einem Freitagnachmittag zu meinem Küchenfenster hinaus, der Regen klatschte gegen die Scheibe. Das hob nun überhaupt nicht meine Laune. Es stand mir eine Menge Ärger bevor. Ich hatte nämlich für die letzten beiden Monate keinen Unterhalt mehr gezahlt. Das lag nicht allein an mir, mein Verleger hatte Insolvenz angemeldet. So saß ich eben auf dem Trockenen, ich schrieb zwar für einige Zeitschriften, doch erstens gab es dafür nicht das große Geld und zweitens hieß es auch hier Geduld mitbringen. Ich beschloss, mein letztes Bargeld in die Pizzeria meines Freundes Riccardo zu tragen.

Im strömenden Regen führte der Weg hinüber zur Pizzeria. Riccardo blickte kurz auf, als ich den Raum betrat, und lachte mich an. Seine Frau Sofia packte mich hingegen gleich am Arm und zog mich zu einem der Tische. An dem Tisch saß ein älterer, freundlicher Herr und lächelte mich an. „Sie also sind der Schriftsteller, Alex Blau. Nehmen Sie bitte Platz. Ich möchte mit ihnen sprechen. Mein Name ist Francesco Santini. Ich bin der Vater von Riccardo und komme aus Sizilien wegen eines persönlichen Anliegens.“ Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Was wollte er wohl von mir? Herr Santini stellte ein Glas vor mir ab und füllte es mit Rotwein. „Sehen Sie, ich, bin ein einflussreicher Mann und ich möchte meine Memoiren schreiben. Ich benötige hierfür allerdings einen Schreiber, der sowohl flüssig im Stil wie auch unterhaltsam schreibt. Ich dachte an Sie.“ Er erhob sein Rotweinglas und prostete mir zu. Ich erhob ebenso mein Weinglas und wir ließen die Gläser klirren. Der Gedanke die Memoiren eines Mannes zu schreiben erweckte nicht gerade große Freude in mir. Ich fragte mich, welche Vorstellungen er wohl hatte vom Erfolg seines Unternehmens. Santini stellte sein Glas auf den Tisch und lächelte mich entwaffnend an. „Sehen Sie, ich kann mir vorstellen, Memoiren sind nicht aufregend. Ich biete Ihnen einen Vorschuss von 5.000 Euro und hier.“ Er griff in seine Jackentasche und zog ein Flugticket hervor. „Dieses ist das Flugticket, sie müssten mich am morgigen Tag schon begleiten.“

Hoppla dachte ich, dieser Deal ging aber megaschnell. Das musste einen Haken haben. Auf der anderen Seite brauchte ich dringend das Geld. Ich musste meiner Exfrau noch zwei Monate Unterhalt zahlen und deshalb gab es wohl nicht viel zu entscheiden. „Wie sieht es mit einem Vertrag aus?“ Francesco Santini winkte ab. „Wir brauchen keinen Vertrag. Sollten wir nicht zu einem Ergebnis kommen, dann betrachten Sie das Geld als Entschädigung für ihren zeitlichen Aufwand.“ Ich sah ihn an und nickte zustimmend. Was mochte es wohl heißen, sollten wir nicht zu einem Ergebnis kommen? Egal, für mich zählte erst einmal die Rettung. Herr Santini bewirtete mich vorzüglich und so blieb ich lange an diesem Abend in der Pizzeria. Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich und eilt zur nächsten Sparkasse. Ich zahlte 4.000 Euro auf mein Konto ein, dann marschierte ich zurück in meine Wohnung. Am nächsten Morgen überwies ich den Unterhalt an meine Exfrau über meine Onlinebanking Verbindung. Anschließend packte ich einen Koffer für meinen Flug nach Sizilien. Gegen Mittag fragte ich mich, ob ich überhaupt das Richtige tat, doch der Gedanke an das Geld ließ meine Zweifel verfliegen.

Ich traf Francesco Santini am Abfertigungsschalter der Fluglinie. Meine Erwartung der Mann würde mir etwas aus seinem Leben erzählen wurde enttäuscht, stattdessen las er Wirtschaftsnachrichten. Der Flug nach Sizilien verlief ebenso schweigend. Am Flugplatz erwartete uns bereits ein Chauffeur und unsere Reise führte aus der Stadt auf das Land. Plötzlich begann Santini zu reden. „Jetzt mein Freund fahren wir in das wirkliche Sizilien. In Sizilien hat es ein Großteil der Bevölkerung schwer, die Menschen leben in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen. Das war schon immer so und früher gab es deshalb sogar Aufstände. Ein Großteil der Sizilianer wanderte deshalb aus. Ihr Weg führte sie in die Welt doch im Herzen blieben sie Sizilianer. Das kann nur jemand verstehen, der hier geboren wurde und dieses Land liebt. Sizilien ist ein Schmelztiegel und am besten spürst du es an unseren Kochtöpfen. Wir haben eine der besten, gesündesten und schlichtesten Küchen der Welt. Wir haben gelernt, von unseren Eroberern das Gute zu behalten und das Schlechte nicht anzunehmen.“ Der Wagen fuhr durch eine Einfahrt und es dauerte noch ein wenig, bis wir an das Haus gelangten. Was heißt hier schon Haus, es war eine Villa.

Francesco stellte mir seine Frau Eleonora vor und einige Verwandte, die wohl seine Rückkehr erwartet hatten. Die Frau des Hauses führte mich zu meinem Zimmer und zeigte mir die Ausstattung, danach ließ sie mir Zeit, mich für das Abendessen umzuziehen. Während ich mich umzog, nahm ich die Gerüche wahr. Es waren die ersten Wegbegleiter einer anderen Welt. Ein Blick von meinem kleinen Balkon stimmte mich glücklich. Es war genau die passende Zeit, in der die Sonne ihr schönstes Licht ein letztes Mal über die Welt sendete, ehe sie sich zum Schlafe legte. Ich war fasziniert von diesem Moment und am liebsten wäre ich gar nicht mehr auf diese Welt zurückgekehrt, so sehr war ich mitten in einem Tagtraum gefangen, voller Zärtlichkeit und Sanftmut.

Ich hörte weder das Klopfen an meiner Zimmertür noch bemerkte ich die Person in meinem Rücken, einzig und allein der dezente Geruch eines Parfüms, welches mich an Mill erinnerte, irritierte mich ein wenig. Eine zarte Hand legte sich auf meine Schulter und eine betörende Frauenstimme flüsterte mir die Worte ins Ohr. Ich verstand nicht ihren Sinn, ich hörte nur auf die Melodie ihres Tonfalls und musste eingestehen, diese Stimme fesselte mich. Langsam fast im Zeitlupentempo drehte ich mich um, dann trafen sich unsere Augenpaare. Es waren zwei Augen, die glänzten wie die Sterne, klar wie ein Kristallsee in den Bergen. Ihr Haar war schwarz und ihr Gesicht strahlte voller Wärme, ihr Mund war lieblich und die Gesichtszüge zeigten die Reife einer wunderschönen Frau. Hätte ich geschrieben der Blitz, schlug ein oder ich war plötzlich von Sinnen, ich war sicher nicht mehr bei klarem Verstand. „Haben Sie mich nicht gehört? Ich habe an der Tür geklopft, mein Vater meinte ich solle sie rufen. Wir warten auf der Terrasse oder haben Sie etwa keinen Hunger?“ Natürlich hatte ich Hunger, es dürstete mich nach Leben und Frohsinn. Hatte ich mich etwa so plötzlich verliebt? Nein! Das konnte nicht sein, ich war hier, weil ich ein Buch schreiben sollte.

„Mein Name ist Alessia.“ Sie reichte mir ihre zarte Hand und ich ergriff sie behutsam, so als würde man mir Juwelen reichen. Ich stammelte so einen Mist. „Ich bin entzückt. Sie haben einen sehr schönen Vornamen. Ich heiße Alex Blau.“ Das war wohl die platteste und dümmste Anmache aller Zeiten, es fehlte mir aber tatsächlich in diesem Augenblick an der Klarheit und Brillanz meiner Gedanken und so gereichten meine Worte eben nur zu einer seichten Kommunikation. Wie konnte ich auch außerdem auf die Idee kommen dieses zarte Geschöpf würde an mir Interesse entwickeln. Schlagartig war mir bewusst, ich war nur ein Schriftsteller, sie aber war die Göttin Aphrodite aus einer anderen Welt. Nie würde es mir gelingen in dieser Welt Beachtung zu finden. Ich spürte einen leichten Herzschmerz, als ich ihr zur Treppe folgte. Während Alessia die Treppe hinab schwebte, kam ich mir wie ein Bauernlümmel vor.

Ich setzte mich an den mir zugewiesenen Platz und meine Angebetete saß genau neben mir. Ich versuchte mich an diesem Abend zu konzentrieren, nichts falsch zu machen und keine Gefühle zu zeigen. Ich verkroch mich geradezu in mein Schneckenhaus und hoffte niemandem würde meine Pein auffallen. Natürlich fiel ich auf, Francesco grinste verschmitzt und seine Frau lächelte mich ständig freundlich an. Einige Mal berührte Alessia mich, legte ihre Hand auf meinen Handrücken und bat mich ihr Dinge vom Tisch zu reichen. Es war als würde ich Stromschläge verpasst bekommen, Gefühle wallten durch meinen Körper und eine Gluthitze erfasste mein Herz. Francesco kam zu mir herüber und fragte. „Wollen wir zwei noch einen kleinen Spaziergang machen oder willst du lieber mit meiner Tochter den Sternenhimmel genießen?“ Hatte ich mich so daneben benommen? War es mir nicht gelungen, meine Gefühle für mich zu behalten? In diesem Augenblick spürte ich eine leichte Röte auf meiner Visage und ich hasste mich dafür. Alessia hingegen lächelte ihren Vater an. „Vater du bist doch sicher müde. Ich denke meine Wenigkeit wird unserem Gast noch unser Land zeigen. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich ihn gerne Morgen zu einer Wanderung entführen.“ In mir regte sich ein letzter Versuch, sich meinem nahenden Schicksal zu entziehen. „ Das ist zwar nett von ihnen Alessia, ich denke nur ich sollte langsam anfangen, die Memoiren ihres Vaters zu schreiben.“ Francesco Santini klopfte mir auf die Schultern. „Entspanne dich Alex, das Buch hat doch noch Zeit. Große Ereignisse brauchen ihre Zeit um zu reifen. Du musst erst Sizilien kennenlernen, ehe du schreiben kannst. Uns läuft doch die Zeit nicht davon, wir müssen sie eben nur richtig und sinnvoll nutzen. Meine Tochter ist eine sehr begabte Architektin. Übrigens ist meine Kleine die beste Partie weit und breit.“ Das mochte wohl so sein aber bestimmt nicht für mich.

Ich beschloss, am nächsten Tag nach unserer Wanderung mit Francesco zu sprechen. Es schien mir wichtig ihm die Wahrheit zu sagen. An diesem Abend verlor ich unter dem sizilianischen Sternenhimmel gänzlich mein Herz. War es die atemberaubende Fee an meiner Seite, war es der Duft, welcher in der Luft lag oder war es die klare Nacht voller glitzernder Sterne, ich hatte mich unsterblich verliebt. Der nächste Tag führte Alessia und mich an einem trocken, heißen Sommertag durch eine die Sinne berauschende Landschaft. Die Vegetation war unbeschreiblich, Wildblumen wie Jasmin, Mimosen und Orchideen wuchsen entlang unseres Weges. Überall waren Wildkräuter und ihr Aroma lag in der Luft. Sie führte mich zu Gummibäumen, Bananenstauden um anschließend unter Olivenbäumen mit mir zu sitzen. Sie sprach und ich hörte zu, meine Augen hingen an ihren Lippen. Am liebsten hätte ich sie geküsst, doch dazu fehlte mir der Mut.

Eine innere Stimme rief mich zur Vernunft auf, ich sollte ihr weder Schmerz noch Leid zufügen, es war mein stilles und leises Leiden. Am Abend suchte ich das Gespräch mit Fancesco. Er ließ mich nicht zu Wort kommen, stattdessen sagte er mir es wäre im Moment keine Zeit. Wir würden in der kommenden Woche am Samstagnachmittag miteinander reden. Er habe extra ein Boot für dieses Gespräch geordert. Ich solle mich doch an Alessia halten, die wisse schon, was zu tun wäre.

In meinem Zimmer wurde mein Laptop ausgepackt und ich begann mir meinen Frust von der Seele zu schreiben. Die Frage war doch: Konnte diese Situation noch gerettet werden? Alessia ließ mir keine Zeit, rein zufällig kam sie in mein Zimmer. Ich sollte sie zu den Arabern begleiten. Araber? Pferde, was denn sonst. So verbrachte ich auch diesen Abend mit Alessia. Die folgenden Tage litt ich die höchsten Qualen, die Liebe hatte mich in Brand gesetzt und ich drohte, daran innerlich zu verglühen. Während mich die Frau durch die Blütezeit der Insel führte und ich den kulinarischen Genüssen erlag, wünschte ich mir insgeheim diese Zeit möge nie vergehen.

Am Samstag war es dann so weit. Wir fuhren zum Meer und bestiegen ein großes Schiff. Es war festlich geschmückt und alles sprach für ein großes Ereignis. Alessia flüsterte mir zu. „Vater hat heute Geburtstag.“ Das war wieder so ein Moment, an dem ich vor Scham fast im Boden versank. Ich hatte kein Geschenk für ihn, das war mir sehr peinlich. An Bord des Schiffes wurde mir ein Platz am Tisch Francescos zu gewiesen und wieder saß ich neben Alessia. Ich war so mit den Eindrücken beschäftigt und so entging mir das Ablegen des Schiffes. Auf See wurden erst einmal Reden geschwungen, wie es bei solchen Anlässen üblich war. Irgendwann gelang es mir, das Geburtstagskind für einen Augenblick ungestört zu erwischen.

Wir standen am Heck des Schiffes sahen hinaus auf das Meer und ich erzählte ihm die Wahrheit. Er legte seine Hand auf meine rechte Schulter. „Ich habe von meinem Sohn schon Deine Geschichte gekannt und ich habe nur darauf gewartet, dass Du mir es selber erzählst. Du bist ein anständiger Mensch. Willkommen in meiner Familie.“ Er umarmte mich. Was sollte dies nun heißen? Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, Riccardo und Sofia, verwickelten mich in ein Gespräch. Geschickt bugsierten sie mich zurück an meinen Tisch. Ich setzte mich und Eleonora gab mir einen Kuss auf die Wange.

Francesco kam an den Tisch. „Es wird langsam Zeit, das ein alter Sizilianer seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. Meine Tochter ist nun schon vierzig Jahre und immer noch unverheiratet. Ich will nicht sagen, es sei eine Schande. Nein! Ich liebe meine Tochter und ich gebe sie nur in gute Hände ab. Es wird langsam Zeit, meine Memoiren zu schreiben. Was meinst Du dazu Alex?“ Ich zuckte verlegen mit den Schultern. „Ich stimme natürlich zu.“ Francesco nickte. „Das heißt Du wirst meine Tochter zur Frau nehmen. Sie ehren, achten, respektieren und Ihr treu sein?“

Ich war sprachlos. Was geschah hier? Wie konnte er einem Menschen wie mir einen solchen Diamanten anvertrauen? Verzweifelt suchte ich nach einem Strohhalm. „Lieber Francesco, ich kann doch keine Frau heiraten ohne ihr Einverständnis.“

Alessia beugte sich zu mir herüber und gab mir einen langen, zärtlichen Kuss. Ich konnte nicht anders, aber jetzt brachen alle meine Dämme auf einmal. Ich hielt sie eng umschlungen und ich ließ sie so schnell nicht mehr los. Einige Zeit später trennten sich unsere Lippen und Alessia flüsterte mir ins Ohr. „Glaubst Du wirklich mein Vater verheiratet mich, ohne vorher sich genau zu informieren, wenn ich mir da anlache.“

Eleonora liefen Tränen der Freude die Wangen hinab. Francesco hingegen klatschte in die Hände und alle Stimmen waren schlagartig still. „Ich, Francesco Santini, der alte Sizilianer, verkünde euch Allen mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Meine Tochter Alessia und Alex werden heiraten.“

Die ganze Familie freute sich. Ich hatte geglaubt, mir ausmalen zu können, wie Sizilianer feiern, aber die nachfolgenden Stunden zeigten mir eine überschwängliche pure Lebensfreude. Francesco sagte irgendwann zu mir. „Alex, jetzt haben wir dann doch noch schnell meine Memoiren geschrieben.“

Ich schaute ihn erstaunt an. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde meine Memoiren schreiben? Es war nur ein Vorwand um dich auf diese Insel zu entführen. Es sei mir verziehen.“ Ich strahlte über mein ganzes Gesicht vor Freude und Glück. „Ich glaube es war die sinnvollste Entführung meines Lebens. Ich werde meine neue Freiheit unter der Sonne Siziliens und an der Seite meiner sizilianischen Liebe genießen.“

Eleonora klatschte freudig in die Hände. „Das heißt, Du bleibst hier auf der Insel.“ Ich nickte. „Gibt es einen schöneren Ort für die Liebe und das Leben?“ Alessia und ich heirateten im Herbst dieses Jahres. Im Jahr darauf waren wir schon zu dritt.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Freitag, 29. Oktober 2010

Jens und Maria

Maria und Jens


Wir waren noch an der Uni, als sich unsere Liebe fand.
Zwei junge Menschen auf dem Weg in ein Leben voller Abenteuer.

Unser Sinn war es die große Karriere zu machen, etwas anderes kam nie infrage.

Während andere Paare heirateten und Kinder bekamen, lehnte Maria solche Lebensweise total ab. Kinder niemals!
Ich hatte mich längst damit abgefunden, unser Leben ließ uns ohnehin dafür keine Zeit.

Marias Weg führte sie nach Frankfurt an die Börse, mein Weg führte mich in einen großen internationalen Konzern.
Während Maria sehr schnell Aufstieg in der Liga der Händler und ein unglaubliches Gehalt verdiente, war mein Aufstieg zumindest was das Geld betraf nicht so rosig ausgefallen. Gestört hatte mich dieser Unterschied nie.

Unsere kleine Welt war wirklich sehr begrenzt, die gemeinsamen Stunden konnten an der Hand abgezählt werden.

Wir bauten uns ein Haus in der Pfalz, umgeben vom Wald und unsere Nachbarschaft bekamen wir fast nie zu sehen.
Finanziell ging es uns sehr gut, wer kann schon von sich behaupten ein wahres Luxushaus innerhalb von fünf Jahren bezahlen zu können. Wir schon! Aber wo war unser Leben?

Das war für uns kein Thema und bei der wenigen Zeit auch nie sonderlich von Bedeutung.

An einem Freitagnachmittag änderte sich unser Leben schlagartig, sozusagen innerhalb von Sekunden. Maria war mit ihrem Porsche auf dem Weg zu unserem Haus. Es regnete in Strömen und sie musste noch unbedingt für das Wochenende einkaufen. Ich hatte an diesem Tag keine Zeit, ein Meeting hetzte die nächste Besprechung und dazwischen qualmte es an allen möglichen Stellen. Wir hatten an diesem Tag einen kleinen Gau.

Maria raste hingegen mit ihrem Porsche durch den Regen und circa drei Kilometer vor unserer Autobahnabfahrt passierte das Unvermeidliche. Ein Lastzug scherte einfach auf die Überholspur und Maria musste voll auf die Bremse gehen. Auf der nassen Fahrbahn begann der Porsche zu schwimmen, erst touchierte er die Leitplanken, dann streifte er einen Kleinlaster, der gab dem Wagen einen leichten Dreh und schon raste der Porsche über den Seitenstreifen in die Böschung hinab. Das hohe Tempo hielt den Wagen nicht unten, sondern ließ ihn einen steilen Weinberg ansteigen, immerhin noch gut hundertfünfzig Meter.

Es war ein Bild der Verwüstung, auf der Autobahn lagen überall Fahrzeugteile, nachfolgende Pkw waren ineinandergefahren und der Porsche hatte den Weinberg in einer breiten Flucht zerstört.

Das Wrack stand am Berg und durch den Regen waren die Sichtverhältnisse durch den bevorstehenden Abend schlecht. Die Feuerwehr musste erst einmal die Unfallstelle ausleuchten, bevor sie erkannten, ohne Bergungsgerät war der Porsche nicht mehr zu öffnen.

Maria, die aus mehreren offenen Wunden blutete, war ohne Bewusstsein und eingeklemmt. Es dauerte zwei Stunden, bis sie aus dem Fahrzeug befreit war und in ein Krankenhaus transportiert wurde.

Ich bekam von dem Unfall erst mit, als ich die Unfallstelle passierte und den Porsche auf dem Abschleppwagen sah. Ich hielt an und sprach mit den Polizisten.

Im Krankenhaus erwartete mich die nächste Hiobsbotschaft. Maria würde zwar überleben dafür aber gelähmt sein. Das war ein Schock! Sie lag bewusstlos auf der Intensivstation und ich stand an ihrem Bett und konnte nicht helfen. Wer sollte informiert werden? Niemand, wir hatten doch keine Verwandten mehr.

Ich saß an ihrem Bett und fragte mich: „Was hat uns das Leben bisher eigentlich gebracht?“

Meinem Chef machte ich verständlich, meine Lebensgefährtin braucht mich jetzt. Seine Worte trafen mich erneut. „Ihnen ist wohl bewusst, dass sie in Zukunft weniger verdienen werden, außerdem mit einem Manager der hier nicht zu zweihundert Prozent arbeitet, kann ich nichts anfangen.“

Zwei Monate später konnte ich Maria aus dem Krankenhaus nach Hause holen. Ich setzte sie auf den Beifahrersitz, verstaute den Rollstuhl im Kofferraum und wir fuhren zu unserem Haus. Sie hatte die ganze Fahrt über kein Wort gesagt, bleich, einem Häufchen Elend gleich saß sie auf dem Beifahrersitz.

Wir waren zwei wahre Planer und wir hatten unser Haus schon vom ersten Stein an auch für das Alter gebaut. Wer hätte gedacht wir würden dies schon viel schneller brauchen als gedacht.

Ich fuhr den Wagen in unsere Doppelgarage und half ihr in den Rollstuhl. An unserem Haus waren die Wege ebenerdig und so konnte der Rollstuhl ohne Probleme ins Erdgeschoss gelangen. Wir hatten sogar einen Aufzug eingebaut. Unsere Freunde haben uns damals alle belächelt und sagten. „Die zwei Römer spinnen!“

Maria ging mir die nächsten zwei Monate so gut es ging aus dem Weg. Ein Gespräch war einfach nicht möglich.
Ich hatte meine Hoffnung schon längst aufgegeben, da schob sie ihren Rollstuhl neben meinen Wohnzimmersessel und lächelte mich an.

In ihren Händen hielt sie ein Schreiben. Ich fragte wie es so oft in solchen Augenblicken vorkommen mag das Falsche.
„Geht es dir gut?“

„Eine noch blödere Frage fällt dir dazu nicht ein. Ich habe heute meinen Rentenbescheid bekommen.“ Sie lachte fast hysterisch, dann schlug sie mit der geballten Faust auf ihren Stuhl ein. „Verdammte Scheiße! Ich bin doch erst vierzig! Soll ich in solch einem Scheiß Rollstuhl dahin verkümmern? Ich bin doch kein Krüppel!“

Ich versuchte, sie zu trösten. „Nein! Du bist kein Krüppel, aber ändern kannst du die Dinge auch nicht mehr.“

„Du hast gut reden, du bist von dieser Geschichte nicht betroffen!“

„Wir sind ein Paar, in einer Gemeinschaft sind immer beide Teile betroffen. Geht es dir schlecht, geht es auch mir nicht gut.“

Maria giftete. „Du schwallst doch nur Scheiße!“

In unserem ganzen Leben hatte ich noch nie aus ihrem Mund innerhalb kurzer Zeit solche heftigen Worte gehört. Sie war immer beherrscht, hatte jede Situation im Griff. Es schien als sei über ihr die große Verzweiflung hereingebrochen.

„Wir können über alles reden, Maria. Schau wir haben ein schuldenfreies Dach über dem Kopf und unsere Ersparnisse sind auch noch nicht weg. Wir können jede Situation meistern.“

Maria schrie laut. „Wir sind bettelarm. Du Armleuchter hast dich in eine schlechtere Position versetzen lassen und ich kriege ganze 1.350 Euro Rente, dafür habe ich jahrelang den Höchstbeitrag in diesen Mistverein bezahlt.“

Ich versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch sie wies mich ab. Hemmungslos liefen die Tränen die Wangen hinab. Ich versuchte das Gespräch erneut in Gang zu setzen.
„Ist dir schon einmal aufgefallen unser Leben dreht sich nur um das liebe Geld. Geld, Haus, Auto und wo bleiben wir? Was haben wir in fünfzehn Jahren Gemeinsamkeit erlebt? Ich meine wirklich erlebt außer der Arbeit. Nichts!“

Maria schaute mich entrüstet an.
„Ach ein Haus ohne Schulden hat wohl keinen Wert?“
„Darum geht es doch nicht. Waren wir jemals in Urlaub?“
Maria verschränkte ihre Arme vor ihrem Oberkörper, trotzig wie ein Kind.

„Das geht schlecht, so ein Haus abzahlen, alle zwei Jahre neue Autos und teuere Designerklamotten. Irgendwo muss eben auch bei Leuten wie uns gespart werden.“
Ich war entsetzt. „Du willst mich wohl nicht verstehen. Unsere alten Freunde sind alle verheiratet und haben zumindest ein Kind. Und was haben wir?“

Maria schrie. „Ich brauche keine Kinder, Windelscheißer, eine Bande durch das Haus ziehender Ungeheuer. Die machen mir doch meine Einrichtung kaputt. Die Vase dahinten, aus China, achthundert Jahre alt. Weißt du, wie wertvoll diese Vase ist?“

„Maria, diese Dinge mögen einen materiellen Wert haben und wo bei allen deinen Einwänden ist der Wert deines Lebens.“

Maria blickte zornig. „Mein Leben hat keinen Wert mehr oder soll ich ihn mit 1.350 Euro monatliche Rente ansetzen.“

Ich konnte es nicht fassen. „Du hast deine Zusatzversicherungen vergessen, außerdem hast du aus deinen Policen Geld bekommen. Du klagst auf hohem Niveau. Die Rente, die du bekommst, kriegen viele nicht einmal für ein langes Leben in harter Knochenarbeit!“

„Du Armleuchter, dafür habe ich studiert.“

„Komme lieber schnell herunter von deinem Egotrip, der ist überhaupt nicht hilfreich. Wir sollten uns lieber Gedanken um die Zukunft machen. Ich würde zum Beispiel auch ein Kind adoptieren.“

Maria schrie das ganze Haus zusammen. „Ich werde in diesem Haus niemals Kinder akzeptieren, außerdem geh doch zu deinem Flittchen und mache der ein Kind. Meinst du, ich wüsste nicht von deinem Verhältnis!“

Das verschlug mir nun fast vollends die Sprache.

„Ich und Verhältnis, was habe ich den die ganzen Monate für dich getan. Warum habe ich mich in meiner Position verschlechtert? Weil ich im Gegensatz zu dir begriffen habe, mein Leben gehört mir und nicht irgendeinem monatlichen Scheckgeber.“

„Jens, du spuckst ganz schön große Töne! Wie willst du unser Haus erhalten? Wie willst du mir einen behindertengerechten Wagen finanzieren?“

Sie drehte sich mit ihrem Rollstuhl um und verschwand.
Es vergingen weitere zwei Monate, in denen wir uns wieder nur anschwiegen. Einen Wagen hatte sie noch keinen, wozu auch. Sie hatte beschlossen sich in ihr Schneckenhaus zu verziehen und dort hatte außer ihr keiner mehr Zutritt.

Ich bereute schon fast, zu früh in meinem Job eine Veränderung herbeigeführt zu haben. Im Leben weiß man oft erst viel später, wozu die gewagten Schritte, dann doch gut waren.

Ein Freund, dessen Unternehmen fast an unserem Wohnort lag, hatte mir einen Job mit gleichen Konditionen geboten. Ich hatte die Herausforderung angenommen, in einem kleinen Unternehmen zu arbeiten. Es war eine völlig neue Welt für mich und die Arbeit machte mir auch wieder richtig Spaß.

Marias Meinung dazu war eher bissig. „Damit hat er wohl seine Karriere endgültig begraben. Du warst schon immer ein unzuverlässiger Versager.“

Diese Worte blieben auf meiner Seele tief eingebrannt. Es würde lange dauern, bis ich wieder mit ihr sprechen würde.
Ich fragte mich immer mehr: „Was lief in unserem Leben einfach so verdammt schief? Wir hatten doch wirklich keinen Grund so miteinander umzugehen.“

Die nächsten Wochen herrschte in diesem Haus ein eisiger Wind. Das lag nicht nur am beginnenden Winter. Das Weihnachtsfest wurde wohl das traurigste Fest meines Lebens. An Neujahr kam mir sogar der Gedanke, meinem Leben ein Ende zu setzen. Maria war meine große Liebe, doch ich konnte sie nicht mehr erwärmen. Ihre Gefühle waren zunehmend erkaltet und ihr Herz voller Bitterkeit verschlossen.

Im Februar lag hoher Schnee vor unserem Haus und ich blickte an einem Samstagmorgen verträumt über die Schneedecke. Vor meinen Augen zogen die Kindertage vorbei, Schlittschuhe, Rodelschlitten, Schneeballschlachten und das übermütige Kinderlachen. Ich hörte nicht die Klingel und ich merkte auch nicht die Besucher, die längst in ein Gespräch mit Maria vertieft waren. Ich war meilenweit weg von diesem Leben in einer anderen Welt.
Irgendwann sah ich eine alte Frau an unserem Wohnzimmertisch heulend eine Geschichte erzählen. Eine junge Frau saß daneben und stellte ständig irgendwelche Fragen. Ich wollte davon keine Silbe hören, doch Maria rief mich an den Tisch.

Wie aus weiter Ferne fand ich in die Gegenwart zurück und mein Gehirn nahm die Worte wahr.

„Wer kümmert sich jetzt um die armen Kinder? Das ist wohl unsere Angelegenheit.“ Irgendwie verstand ich diese Worte nicht. Welche Kinder? Wir hatten doch keine Verwandten mehr.

Das war unsere Sicht der Verhältnisse, doch in Ostfriesland gab es tatsächlich eine entfernte Cousine meiner Frau. Die guten Leute hatten dort einen Bauernhof und zwei Kinder, ein Mädchen fünf und einen Jungen sieben Jahre alt. Ihr Hof war abgebrannt und die Eltern an einer Rauchgasvergiftung gestorben.

Das plätscherte alles an mir vorbei wie ein Wasserfall, betraf mich nicht und war auch nicht von Bedeutung für mich, wäre da nicht dazwischen ein Sirenengesang gewesen.

Maria interessierte sich für das Schicksal dieser beiden Kinder. „Natürlich nehmen wir die beiden Kinder, nicht wahr Jens. Unser Haus ist groß genug und außerdem haben wir einen großen Garten. Kinder sind doch wichtig im Leben, außerdem sind es meine einzigen Verwandten.“

Ich traute kaum meinen Ohren.

Die Dame vom Jugendamt meinte. „Es wäre gut sie wären verheiratet, es würde manches einfacher machen. Ich bin mir auch nicht sicher ob Kinder in dieses Haus passen, die wertvollen Sachen, die hier so herumstehen. Kinder werfen schon einmal was um.“

Maria nickte zustimmend. „Heiraten wollten wir schon lange, aber dann kam mein Unfall dazwischen. Irgendwie haben wir dann dieses Ziel aus den Augen verloren. Das Zeugs hier.“ Sie zog mit der Hand einen Kreis durch die Luft. „Das ist doch nur tote Materie. Die besonders wertvollen Sachen werden wir bei einem Auktionshaus versteigern lassen. Das Geld nehmen wir dann für die Ausbildung unserer Kinder. Du teilst doch meine Meinung Jens?“

Mir blieb erst einmal die Spucke weg. Ich nickte nur zustimmend. Das war für mich nicht nachvollziehbar, meine Maria übernahm so ganz nebenbei meine Ansichten.
Die nächste Zeit war mit Hektik verbunden.

Maria nicht ich, entrümpelte das Haus. Die wertvollen Sachen kamen unter den Hammer in einem Düsseldorfer Auktionshaus auf der Kö und brachten eine für mich unvorstellbare Summe ein. Hatten wir wirklich in unserem bisherigen Leben in so einem wertvollen Staub gelebt?

Die Wandlung Marias ging mit einem Affentempo weiter. Ich konnte nicht einmal so schnell schauen, wie sie plötzlich unser Haus und dabei auch sich veränderte.

Sie richtete beiden Kindern ihre Zimmer ein und kaufte sich einen behindertengerechten Peugeot 1007.

Maria und ich heirateten und was ich längst nicht mehr gewagt hatte zu hoffen, trat ein. Wir wurden eine richtig starke Familie.

Unsere beiden Kinder entwickelten sich prächtig.

Tom ist mittlerweile achtundzwanzig Jahre alt, von Beruf Anwalt und heiratet am heutigen Tag seine langjährige Freundin.

Unsere Tochter Lisa ist Ärztin und sie hat im letzten Jahr die Praxis unseres Hausarztes übernommen.

Und wir? Wir haben viele glückliche Jahre geschenkt bekommen, trotz Rollstuhl. Wir haben gelernt, das Leben zu leben. Maria würde heute nicht glauben, dass sie einmal drauf und dran war, ihr Leben nur für das Geld zu opfern.

Ich liebe meine Frau immer noch so wie in unseren Studententagen und eigentlich möchte ich keinen Tag missen, auch die weniger Guten nicht.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans « Das Chaos »

Freitag, 17. September 2010

Flaschenpost an eine tote Geliebte

Flaschenpost an eine tote Geliebte


Du meine Liebe,

schönste aller Blüten. Du einzigartige Rose ganz ohne Dornen. Deine zarte Unschuld hat mir den Verstand geraubt, der Geruch Deiner Haut trieb mich von Sinnen.
Wie sehr verzehre ich mich nach Deinen Liebkosungen, Deinen liebevollen Küssen.
In meinem Innern toben die Schmetterlinge, mein Herz bebt vor Liebe nach Dir. Leider sind wir so weit voneinander getrennt.

Jeden Morgen spaziere ich an unserem Meer entlang nur in Gedanken bei Dir.
Ich kann nicht mehr arbeiten vor Liebesqualen, kann nicht mehr schlafen ohne Dich, zwischen uns liegt ein großer Ozean.

Ach könnte ich, wie ich wollte, ich würde noch in dieser Stunde meine Reise antreten zu Dir.
Ich habe noch nie für einen Menschen soviel empfunden.

Ich suche Deine Spuren im Sand, sitze an unseren vertrauten Plätzen, starre in die untergehende Sonne.
Einst haben diese Augenblicke mein Herz erwärmt, ich spürte die große innere Freude.

Jetzt aber sieht es düster um meinen Seelenfrieden aus.
Kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht frage:
Hätten wir es verhindern können?
Ich weiß, es ist nicht mehr zu ändern, nur akzeptieren will und kann ich es nicht.
Warum traf das Schicksal unsere Liebe? Warum kann ich nicht von Dir lassen?

Du fehlst mir so sehr, mein Leben ist so sinnlos geworden.
Ewige Treue haben wir uns geschworen und ich werde Dich bis an das Ende meiner Tage lieben.

So bleibe ich zurück in tiefer Erinnerung an unser großes Glück. Du aber meine Geliebte ruhst längst in Deiner Gruft.
Warte auf mich auf der anderen Seite, mein Herz wird bald gebrochen sein vom Liebesschmerz, dann sind wir wieder vereint.

Du einzige große Liebe meines Lebens. Ich schicke Dir diese Flaschenpost, obschon ich weiß, sie wird Dich nicht erreichen. Verliebte tun zuweilen eben merkwürdige Sachen. Kannst Du mir verzeihen?

Ich kann nicht mehr Leben ohne Dich.



© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Sonntag, 5. September 2010

Die golden Sonne Kaliforniens

Die goldene Sonne Kaliforniens

Ich kam 1823 als Gustav Friedrich von Freyenhausen zur Welt. Früh schon hielten meine Eltern mich für einen Taugenichts. Ich hatte viele Ideen in meinem Kopf doch leider passten sie nicht zu meinem Stande. Im Jahre 1843 hatte mein werter Vater endlich die Schnauze voll von mir. Er buchte ohne mein Wissen eine Schiffspassage in die neue Welt, verfrachtete mich zum Kai. Versehen mit einer bemerkenswerten Abfindung sollte ich mein Glück in der neuen Welt suchen.

Offenbar hatte der alte Herr doch Gewissensbisse seinen zweiten Sohn so einfach in die Welt zu werfen. Zu meiner Schande musste ich eingestehen, es hatte mich nicht im Geringsten gereut zu gehen. Mein alter Herr hatte es dennoch für notwendig gehalten, mich nach Kalifornien zu einem alten Freund zu schicken. Der werte Herr hatte einen Zeitungsverlag in San Francisco.

Ich war bei meiner Ankunft ein wenig enttäuscht, San Francisco hatte nicht einmal 1.000 Seelen zu bieten. Das Amüsement war eher bescheiden und die Damen auch nicht gerade die erste Wahl. In meinem Hotelzimmer waren die Wanzen und es war keineswegs als sauber zu bezeichnen. War ich etwa in der Welt des Teufels gelandet? Nein!

Es sollte noch viel schlimmer kommen, doch dies wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. So begab ich mich zu meinem Antrittsbesuch bei diesem Verleger. Ich hatte eigentlich eher den Müßiggang und die Lasterhaftigkeit auf meine Fahne geschrieben. Leider musste ich gleich bei meinem Gespräch mit dem werten Verleger einem Schweizer feststellen, mein alter Herr versuchte, diesem Drang einen Riegel vorzubauen. Das Ansinnen an mich war keineswegs unverschämt, ich sollte als Redakteur arbeiten und zusammen mit einem Fotografen vernünftige Artikel für die Zeitungen in Europa erarbeiten.

Der Fotograf hieß Maurice Chevalier und war wie der Name schon andeutete Franzose. Dieser Umstand machte ihn mir gleich sympathisch, ein Franzose verstand zu leben. Ich sollte noch lernen, dass es Unterschiede gibt in der Auffassung, wie man lebte.

Um es kurz zu machen, ich nahm die Herausforderung an. Mein größter Wunsch war es diesem Hotel zu entkommen und so musste ich mir dringend eine standesgemäße Unterkunft suchen. Es sollte sich in meinem Leben ein neues Dach finden auf eine äußerst originelle Art. Während ich wieder einmal enttäuscht von einer möglichen Wohnstätte zurück zu meinem Hotel lief, war das Schicksal an meiner Seite.

Erst roch ich ein angenehmes Parfüm und dann nahmen meine Augen eine Dame wahr. Ja, sie war eine Dame vom Kopf bis zum Fuß. Was ich noch sah, waren zwei Flegel, die sicher nichts Gutes im Sinn hatten. Sie hielten die Dame an und versuchten Ihr den Weg zu versperren, dabei machten sie sehr eindeutige Angebote. Ein Mann mit Ehre und Anstand kann solches Treiben nicht tatenlos geschehen lassen.

Ich stellte mich den Herren vor und bat sie die Dame in Ruhe zu lassen. Es gelang mir dem ersten Schlag auszuweichen und dann stürzte sich einer der beiden Flegel auf mich. Es kam zu einer wilden Rauferei.

Unterdessen wollte der zweite Flegel der Dame unter den Rock fassen. Solches hätte er besser gelassen. Das nachfolgende Ereignis gereichte einer Dame zum Ruf als Miss Unnahbar. Die Dame trat ihn an seine empfindlichste Stelle und schlug ihm mit ihrer rechten Faust an die Schläfe. Der Bursche fiel wie ein Sack zu Boden.

Sein Kumpel ließ von mir ab und starrte überrascht auf den am Boden liegenden Freund. Eine Frauenstimme sagte laut und deutlich. „Wenn diese üblen Burschen nicht Land gewinnen, dann schieße ich euch die Männlichkeit ab!“

Sie hielt einen Revolver in der Hand und das Funkeln ihrer Augen und die Zornesröte in ihrem Gesicht, fand zumindest ich einfach nur toll. Eine Menschenmenge hatte sich mittlerweile gebildet und klatschte Beifall.

Miss Maureen hatte sich Respekt verschafft und nicht nur solches, die Männer ließen sie ab diesem Tage in Ruhe. Während die Menschenmenge sich auflöste und ich aus dem Dreck der Straße auferstand, überkam mich ein gewisses Gefühl der Scham.

Ich klopfte an meiner Kleidung den Staub ab, dann sah ich wie die Dame mich musterte. Verlegen suchte ich dem Blick auszuweichen.

„Herr von Freyenhausen macht es ihnen Spaß sich wie ein Schwein im Dreck zu wälzen?“ Es waren Peitschenhiebe und sie trafen bis auf das Knochenmark. Woher kannte sie meinen Namen? Sie winkte mich herbei, wie einen Lakai. „Folgen sie mir, immerhin ist eine Reinigung von Nöten.“

Ich folgte ihr in ein echtes Haus aus Steinen gemauert, ein herrschaftliches Gebäude. Eine schwarze Perle sah mich kopfschüttelnd an. „Miss Maureen, soll der etwa?“
Die Dame blickte sie streng an. „Ja! Der soll und ich möchte keine weiteren Kommentare hören. Herr von Freyenhausen hat schließlich für meine Ehre gekämpft.“

Ich wurde in eine Badewanne gesteckt, es war das schönste Gefühl seit meiner Abreise aus Europa, wenn ich etwas vermisst hatte; dann war es die geeignete Badestelle. Ich kleidete mich in neue saubere Kleidung. Woher sie kam, war mir in diesem Moment unwichtig. Einige Zeit später führte mich die schwarze Perle in den Salon.

Maureen Ó Cinnéide war die Tochter eines angesehenen Bankers mit irischen Wurzeln. Während ich ihre Schönheit bewunderte, reichte ihr Vater mir die Hand. Ich war so gefangen von diesem Anblick, dass ich dabei meine Umwelt vergessen hatte.

Wir speisten zu Abend und Mister Ó Cinnéide fand die Konversation mit mir sehr angenehm. Bei einem Glas Whisky vor dem Kamin nahm ich die Einladung in seinem Haus zu wohnen dankend an. Diese Entscheidung war wohl die Klügste in meinem ganzen Leben.

Während ich meine zarten Bande zu Maureen webte, brach um uns herum die Hölle los. Innerhalb von nur 2 Jahren wuchs unser San Francisco um das 25-fache. Das Zauberwort hieß Gold. Die Menschen stürmten unsere Stadt und die Kaufleute erhöhten die Preise.

Maurice Chevalier und meine Schreibkunst standen plötzlich hoch im Kurs. Unsere Berichte über den Goldrausch fanden reißenden Absatz. Erstaunlich war dabei, kein einziger Verlag fragte uns, wie es uns möglich war, so viele Nachrichten in die Welt hinauszuposaunen. Alle Welt war nur noch fasziniert von dem glitzernden Gold.

Die Bank von Mister Ó Cinnéide wurde über Nacht zur mächtigsten Bank des Südens Amerikas. Das Leben hatte aber auch Schattenseiten zu bieten, in den Jahren 1849 bis 1851 brannte San Francisco insgesamt sechs Mal ab.

Na ja, nicht die ganze Stadt, aber die ganzen Holzhäuser und die dichtgedrängten Armenbehausungen schon. Maurice und ich hatten uns derweil so in die Arbeit gestürzt und begonnen die Welt mit Nachrichten zu versorgen, wir merkten nicht einmal mehr, wie die Zeit verflog.

Lediglich Maureen erinnerte mich an ein anderes Leben. Maureen hatte es plötzlich unheimlich eilig aus San Francisco zu ziehen. Sie bestand auf die Ehe und ein Haus außerhalb der Stadt. Zugegeben die Ehe war überfällig, nur mit dem Bau eines Hauses außerhalb der Stadt zögerte ich noch. Diese Frau kannte kein Erbarmen, alle meine Einwände wurden von ihr in der Luft zerpflückt.

Am Ende kam es, wie es kommen musste, wir bauten ein neues Haus weit von San Francisco weg. Wir zogen sozusagen auf das Land. Der Alte Ó Cinnéide fand es gut. Mein Freund und Partner Maurice fand es schlecht. Er wollte nicht weg von seiner Stadt.

Die Nächte voller Abenteuer und ständig in den Armen anderer Frauen, hatten ihm die Syphilis beschert. Nun war ich voller Dankbarkeit, Liebe und Wärme für jene Frau, die mir dieses Schicksal erspart hatte. Ich trug Maureen auf Händen, es war mir schlagartig bewusst geworden, welches großartige und einzigartige Geschöpf ich an meiner Seite hatte.

Wir wohnten jetzt auf dem Land und in der Stadt breiteten sich immer mehr die Flöhe und Ratten aus. Die Hygiene war in der schnellwachsenden Stadt kein Thema mehr.

Wie goldrichtig die Entscheidung meiner Frau war, wurde uns im Winter des Jahres 1851 vor Augen geführt. Ein Schreckgespenst hatte die Stadt ergriffen, die Cholera. Der Tod zog durch die Straßen und machte reichlich Beute. Er verschonte auch meinen Freund Maurice nicht.

Des einen Leid ist des anderen Freud. An diesem Spruch stimmt vieles, während ein Großteil der Bevölkerung in Kalifornien verstarb, ging es uns blendend.

Meine Frau gebar vier Kinder und ich hatte endlich beschlossen, anständig zu werden. Ich war in der Bank meines Schwiegervaters zum stellvertretenden Präsidenten aufgestiegen.

Unsere große Zeit kam erst. Wir bauten nun unsere Bank, das Bankhaus Ó Cinnéide & von Freyenhausen zu einer der mächtigsten Banken der Welt. Wir beteiligten uns an Minengesellschaften, Eisenbahnen und Fabrikationen. Die Nähe zum Pazifik brachte uns ebenso auf die Idee, uns eine Schiffsflotte zu zulegen.

So wurden wir ohne selbst nach Gold gesucht zu haben dennoch Gewinner des Goldrausches in Kalifornien.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Sonntag, 29. August 2010

Das Glück wohnt überall

Das Glück wohnt überall

Ich sitze auf einer Bank in der U-Bahnstation. Die U1 fährt
ein, doch ich bleibe sitzen. In meinem Inneren toben sich Gefühle aus, denen gegenüber ich machtlos bin. Seit ich weiß, Angelika mich die ganze Zeit betrogen, ist meine Welt nur noch Schutt und Asche. Ausgerechnet der eigene Kollege steigt mit der ins Bett und ich Trottel merke es nicht einmal. Wer wohl davon alles weiß?
Keine Frage, die ganze Firma! Hinter meinem Rücken tuscheln sie, grinsen mir hämisch in mein Gesicht. Nie wieder eine Rothaarige! Nie wieder eine Frau!
Ich starre auf die Werbung an der gegenüberliegenden gekachelten Wand der Station.
Jeden Morgen lasse ich so mehrere U1 an mir vorüberziehen, um dann irgendwann einzusteigen. Die Folgen sind klar und deutlich, jeden Morgen zu spät am Arbeitsplatz. Ich könnte kotzen, wenn ich die Fresse von dem Typ sehe.
Der Kerl sagt doch zu mir. „ Sieh es sportlich, der bessere Hengst gewinnt.“
An dem Morgen hätte ich ihn am liebsten zu Kleinholz verarbeitet. Warum ich es nicht tue?

Ich bin ein Feigling, jawohl ein Feigling. Mein ganzes Leben bin ich solchen fiesen Ärschen aus dem Weg gegangen.

Was soll ich tun?

Die U1 fährt ein und mir ist bewusst, die muss ich auf jeden Fall nehmen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Ich blicke auf die neben mir stehende Person. Eine junge Frau um die dreißig, sie strahlt mich förmlich mit ihrem Lächeln an.
„Jetzt wird es aber Zeit, schließlich kann man nicht jeden Tag zu spät kommen. Nicht wegen einer Frau, die schon mit der halben Firma geschlafen hat.“

„Die was?“

„Sie haben schon richtig gehört. Die hat sie nach Strich und Faden betrogen und sie armer Mensch haben es nicht einmal bemerkt. Die wird auch nicht bei dem Neuen bleiben. Die nicht! Außerdem kriegt der richtig Ärger, wenn der Alte das rauskriegt.“

Ich schaue sie verblüfft an. „Der etwa auch?“

„Ja, der steht auf Domina hat sie selbst gesagt. Wir müssen los, das ist unsere letzte Chance noch in der Kernzeit anzukommen.“
Ich stehe auf und gehe wie in Trance zu den offenen Türen des Zuges. Die junge Frau folgt mir und stellt sich neben mich.

„Und wer sind sie?“

Sie lächelt mich schon wieder an.
„Das wissen sie nicht? Wundert mich eigentlich nicht, sie übersehen mich ständig.“
„Ich muss doch wohl bitten. Im Haus grüße ich jeden Menschen; nur manche erwidern den Gruß nicht mehr.“

Die Frau streicht sich durch ihr langes blondes Haar, einem Engel gleich.
„Das ist doch nicht verwunderlich, so wie sie sich von diesem Biest verschaukeln lassen.“

„Denken sie etwa, ich bin schuld?“

„Zumindest hätten sie Konsequenzen ziehen sollen.“

„Ich? Das ist jawohl die Höhe! Ich bin Mitte vierzig, glauben sie etwa ich finde so von heute auf morgen einen neuen Job.“

Die junge Frau lacht laut auf.
„Das habe ich nicht so gemeint. Warum wohnt Angelika noch in ihrer Wohnung?“

Ich ringe förmlich nach Luft.
„Wohnen ist gut, die kommt doch fast nicht mehr vorbei.“
„Eben, da hätte ich ihr die Koffer vor die Tür gestellt. Es ist doch ihre Wohnung?“
„Natürlich ist es meine Wohnung!“

„Warum haben sie es nicht getan?“

„Das geht zu weit! Ich habe immer noch geglaubt sie kommt zurück.“
Die junge Frau streicht mit ihrer Hand über meinen linken Oberarm, besser gesagt meinen Mantel.

„Sie armer, armer Irrer. Gehen sie zum Chef und verlangen sie versetzt zu werden.“
Ich schaue sie ungläubig an.

„Ich soll was? Das geht doch nicht!“

„Mann, zeigen sie endlich einmal Biss, beweisen sie ihre Stärke. Drohen sie mit Kündigung, falls er nicht bereit ist, sie zu versetzen. Übrigens dieser Wolfgang hat ganz schöne Scheiße gebaut, ich sage nur Spesenbetrug. Er hat ein Wochenende mit Angelika als Geschäftsreise abgerechnet.“ Ich bin verblüfft, der traut sich allerhand.

„So blöd kann er nicht sein.“

„Es geht hier nicht um blöd sein. Er ist einfach nur zu leichtsinnig und selbstsicher, dieser arrogante Fatzke.“

„Ich kann es nicht fassen! Wie heißen sie eigentlich?“

„Mit der Frage habe ich in diesem Leben nicht mehr gerechnet. Ich heiße Anna Liebermann.“

„Was? Dann sind sie die neue rechte Hand vom Chef!“

„Zeigen sie einfach Mal nur ihre Beißerchen, der Rest erledigt sich von selbst.“
Wir steigen an der U-Bahnstation City aus und gehen gemeinsam zu unseren Arbeitsplätzen. Das bleibt natürlich den wachsamen Augen nicht verborgen. Die beiden Frauen am Empfang tuscheln, ich kann jedes Wort mithören.

„Ist dir schon aufgefallen, die Liebermann kommt neuerdings immer mit dieser Flasche von Harald Hübschen.“

„Was die wohl an der Null findet?“

In meinem Büro ist es nicht anders. Der Fiesling grinst mich unverschämt an.
„Na schönen Abend gehabt, so allein in der Wohnung. Ich habe gestern am Abend gemütlich drei Nummern geschoben.“ Ich hänge meinen Mantel an die Gardarobe, setze mich an meinen Schreibtisch und beachte den Kerl nicht. Das Lästermaul kann es trotzdem nicht lassen, erzählt Einzelheiten aus seinem Frauenverwöhnprogramm. Irgendwann stehe ich auf und gehe mir am Kaffeeautomaten einen Kaffee besorgen. Natürlich treffe ich dort auf die Rothaarige, in meinem grenzenlosen Frust teile ich meine Entscheidung mit.

„Übrigens Angelika, du kannst deine Koffer abholen.“

Sie dreht sich zu mir um, schaut mich entrüstet an.
„Du wagst es dich meine Koffer vor die Tür zu stellen! Weißt du kleines Arschloch eigentlich wer ich bin?“

„Ja, du bist die Frau, die ich mir gerne in meinem Leben erspart hätte.“
Anna die gerade zur Tür hereinkommt, lächelt zuckersüß. Angelika bemerkt dazu nur.
„Dir dummen Gans vergeht hier in diesem Laden auch noch das Lachen. Ich werde hier die Chefin!“

Anna sagt trocken.
„Das glaube ich kaum, der Posten ist bereits vergeben.“ Angelika verzieht ihr Gesicht zu einer grässlichen Fratze, donnert wie ein ICE davon. Ich stehe im Raum, schaue Anna an.

„Ich denke, du hast dir gerade eine Todfeindin geschaffen.“ Sie schließt den Kühlschrank dreht sich um.

„Heute ist der Tag an dem bei dir die Wunder geschehen. Ich hatte kaum in diesem Leben mehr damit gerechnet, dass wir uns duzen.“

Ich bin betroffen, habe die Grenze des Anstandes überschritten. Wie kann ich sie einfach nur so duzen. Ein sehr bedauerliches Missgeschick.

„Tut mir leid, ich habe mich daneben benommen.“

„Wieso? Was glaubst du, wie lange ich schon darauf warte von dir beachtet zu werden?“

Das habe ich so noch nicht gesehen, die ist doch zu jung für mich.
„Ich denke wir haben doch einen gewissen Altersunterschied zu beachten.“
Ehe ich mich versehe, steht sie vor mir, küsst mich mitten auf den Mund. Und was tue ich?

Ich erwidere natürlich den Kuss. Das kann sicher noch heiter werden. Dieser kleine Anlass wird bestimmt gleich wieder über alle Klatschkanäle laufen. Hat uns jemand gesehen?

An meinem Schreibtisch versuche ich mich wieder zu sammeln. Die Situation ist keineswegs ideal, insbesondere will ich nicht, dass Anna zum Gerede der Belegschaft wird. Ich male auf meiner Schreibtischunterlage eine Menge Unsinn. Das hilft, irgendwann ist mein Entschluss gefasst. Ich werde kündigen! Nur Mut, am einfachsten ist es gleich zur Tat zu schreiten. Ich gehe zu Willibald Fröhlich, dem Hauptgesellschafter, dem Chef, in diesem Laden. Das Vorzimmer ist leer, so gehe ich direkt in sein Büro. Er lächelt mich freundlich an.

„Na Harald, wo drückt der Schuh? Endlich zur Besinnung gekommen? Ich hoffe du hast diese Angelika endlich vor die Tür gesetzt. Diese Frau taugt nicht viel für ein gemeinsames Leben.“

Ich setze mich in den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Ich bin gekommen um zu kündigen.“

„Du willst was?“
Der Chef scheint überrascht zu sein.

„Ich kündige!“

Willibald Fröhlich schaut zum Fenster hinaus.
„Das geht nicht mein Lieber, ich habe andere Pläne mit dir vorgesehen.“

„Ich halte es nicht mehr aus mit diesem Wolfgang Groß in einem Büro.“

Der Chef schaut mit einem Schmunzeln auf den Lippen herüber.
„Das habe ich schon kommen sehen. Du bekommst das Büro nebenan.“

„Wie nebenan? Das ist doch ein Geschäftsführerbüro!“

„Hast du etwa damit ein Problem?“

„Das ist schön und gut, nur da gibt es noch eine andere Frau. Sie heißt Anna und arbeitet hier, die will ich nicht zum Gesprächsstoff der Mitarbeiter machen. Übrigens laut Gerüchten soll Wolfgang Groß bei seinen Spesenabrechnungen betrogen haben.“

Willibald Fröhlich schaut nach einem Schreiben auf seinem Schreibtisch und lacht laut auf.

„Das mein Lieber erklärt mir sehr viel. Du weißt überhaupt noch nicht welchen großen Dienst du mir erwiesen hast. Die Kündigung habe ich noch nicht angenommen. Wir reden noch einmal darüber, ich schlage vor, bei einem Abendessen.“

„Abendessen?“

„Richtig, heute um 19.00 Uhr, in den Elsässer Stuben.“

„Warum nicht in einem unserer Stammrestaurants?“

„Harald, ich habe meine Gründe. Wir sehen uns also am Abend und sei bitte zur Abwechslung einmal pünktlich.“

Ich verlasse das Büro und denke so bei mir, sehr merkwürdig.
Er bietet mir ein Büro neben seinem an, ein Abendessen. Das sieht wahrlich nicht nach Kündigung aus. Die arme Anna würde hier keine ruhige Minute mehr haben, sobald Angelika eine Beziehung mit mir feststellen würde.

Auf dem Weg zu meinem Büro begegnet mir Wolfgang.

„Mache mir Platz, ich habe einen wichtigen Termin beim Chef.“
Wenige Augenblicke später stürmt Angelika an mir vorbei.
„Na du Flasche, ich werde jetzt hier Chefin.“

Anna treffe ich im Aufenthaltsraum, sie hat sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank genommen. Ihr Lächeln zaubert meine düsteren Gedanken weg, mit einmal schwebe ich durch einen hellerleuchteten, warmen Raum. In diesem Moment treffen sich unsere Lippen zu unserem zweiten Kuss an diesem Morgen. Augenblicke später, für mich sind das eher Stunden, erzähle ich ihr von meiner Kündigung. Sie reagiert für meine Begriffe sehr besonnen.

„Harald, mache dir keine Sorgen, im Leben kommen manchmal die tollsten Überraschungen vor. Wir schaffen es gemeinsam, davon bin ich felsenfest überzeugt.“
An meinem Schreibtisch bewundere ich diese schöne Frau, die mit soviel Hoffnung und Power durch das Leben geht. Wo ist bloß meine Zuversicht und meine Lebensfreude geblieben?

Ich spüre, wie sie langsam zurückkehrt, das Glück wohnt überall. Du musst es nur sehen wollen.

Am wenigsten möchte ich meinen Kollegen sehen. Dieser Wunsch wird mir für den Rest des Tages erfüllt. Ich muss noch öfters in einige andere Büroräume, nur Angelika ist auch nirgends zu sehen. Insofern ist es für mich ein gelungener Arbeitstag. Ich lache und scherze wieder, gewinne von Minute zu Minute wieder an verloren geglaubtem Boden zurück.

Vergnügt trete ich mit der U-Bahn meine Heimfahrt an. In meiner Wohnung erwartet mich die nächste angenehme Überraschung, die Rothaarige hat das Feld geräumt. Den Wohnungsschlüssel hat sie artig auf die Kommode in der Diele gelegt.
Ich setze mich in mein Wohnzimmer und atme befreit auf, so als sei eine schwere Last endlich von meinen Schultern genommen worden. Dabei schießt ein Gedanke durch meinen Kopf:

„Anna!“

Voller Freude und Tatendrang gehe ich unter meine Dusche, kleide mich anschließend für das Abendessen an. Auf dem Weg zu dem Restaurant fällt mir ein:
„Ich habe nicht einmal ihre Adresse erfragt, noch ihre Handynummer. Wie dumm von mir. Das werde ich gleich Morgen in Ordnung bringen. Überhaupt, warum soll ich kündigen, sollen doch diese beiden Störenfriede gehen. Können die nicht vielleicht sogar gekündigt werden? Nein, so grausam bin ich auch wieder nicht. Das könnte sehr schnell als Rache ausgelegt werden.“

Das Restaurant liegt in einer Seitengasse und ich verlaufe mich prompt. Ein älteres Ehepaar zeigt mir den richtigen Weg. Dank dieser Hilfsbereitschaft treffe ich noch pünktlich in dem Restaurant ein.

Willibald Fröhlich sitzt bereits an einem Tisch, winkt mir zu, dabei blickt er auf seine Armbanduhr.

„Alle Achtung, der Harald ist wieder zuverlässig und pünktlich.“
Ich lege meinen Mantel ab, setze mich an den Tisch.
„Ich war doch immer zuverlässig und pünktlich.“
Der Boss lächelt amüsiert.

„Lassen wir die letzte beschissene Zeit außen vor, dann stimmt diese Aussage sogar. Ich denke, ich sollte nicht päpstlicher sein, als der Papst. Außerdem habe ich auch einiges an Fehlern gemacht.“

Solche Worte aus dem Munde des großen Chefs erstaunen mich doch sehr. Ein Blick über den Tisch sagt mir, wir sind zu dritt. Willibald sieht genau meinen fragenden Blick.
„Ja, unsere neue Geschäftsführerin kommt ebenfalls zum Essen. Aus diesem Grunde habe ich auch dieses Restaurant gewählt. Es wird noch früh genug publik werden.“

Am liebsten würde ich jetzt unter den Tisch kriechen. Neue Geschäftsführerin? Hat dieses Luder es also doch hingekriegt. Diesen Triumph will sie sich wohl nicht entgehen lassen.

„Das war zu erwarten gewesen.“

Willibald nickt freundlich.
„Ja das war es. Ich möchte, dass du Sie unterstützt.“

Ich denke, ich habe mich verhört. Diese Worte muss ich erst einmal verdauen.
„Ich? Du weißt schon wie ich zu ihr stehe?“

„Natürlich und ich denke ihr packt es gemeinsam. Sie ist jedenfalls fest davon überzeugt.“

Das kann heiter werden, Angelika und ich. Mein Gott, er muss doch wissen, dieser Deal geht in die Hose. Ich merke bereits das Adrenalin in meinem Blut und dann rieche ich noch einen mir seit diesem Tag vertrauten Geruch.

Ein zarter Parfümnebel setzt meine Gefühle in Wallung. Das kann nicht sein, vielleicht ist es nur eine Sinnestäuschung. Willibald schaut mich besorgt an.
„Ist dir schlecht?“

„Nein! Ich bin nur leicht verwirrt.“

„Wegen Anna?“

„Anna? Wieso eigentlich Anna?“

„Jetzt sage bloß nicht Angelika wäre dir an der Stelle angenehmer.“

„Nein! Ich bin nur überrascht.“

Anna genießt diesen Moment, setzt sich an den Tisch. Ihr Lächeln vertreibt alle meine Ängste. Das ist der Moment indem ich wieder anfange auf Wolken zu schweben. In meinem Bauch macht sich ein Heer voller Schmetterlinge zu schaffen. Anna gibt Willibald einen Kuss links und rechts auf die Wange. Ich bekomme den dritten Kuss für diesen Tag auf den Mund. Während ich noch ihre Lippen auf den meinen wähne, höre ich ihre Worte in weiter Ferne.

„Papa, habt ihr schon von den Veränderungen gesprochen.“

„Papa? Wieso Papa?”

Anna kneift mich in die Seite.
„Das ist mein Vater! Sag bloß du hast das nicht gewusst?“

„Nein!“

Willibald Fröhlich amüsiert sich köstlich.

„Na, dann Anna, ist er auch nicht hinter deiner Mitgift her. Ich glaube, ich muss ihn aufklären. Ich habe Wolfgang Groß und unserer Angelika fristlos gekündigt. Groß hat in der Tat Spesenbetrug begangen, geglaubt er würde nie auffallen. Er war sich einfach nur zu sicher. Angelika hat mein Vertrauen missbraucht, sie hat Firmengelder auf ein Konto in Luxemburg abgezweigt. Die Anzeige gegen sie läuft bereits. Anna Liebermann ist meine Tochter aus der Beziehung mit ihrer Mutter Gerda. Ich habe sie damals als leibliche Tochter anerkannt. Sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen, hat studiert und wird jetzt meine Nachfolgerin. Harald, du wirst zweiter Geschäftsführer. Am Ende erlebe ich vielleicht noch eure Hochzeit. Ich werde in der Zukunft meinen Lebensabend an einem sonnigen Ort verbringen. Was sagst du jetzt?“

Ich, ich bin sprachlos, meine Hand sucht die Hand von Anna. Glücklich halten wir uns aneinander fest, trunken von unseren Gefühlen.

Am Morgen noch keine bessere Zukunft in Sicht, am Abend bin ich mitten im Glück. Das Glück wohnt halt überall und ich hätte es doch fast übersehen.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans "Das Chaos"