Freitag, 29. Oktober 2010

Jens und Maria

Maria und Jens


Wir waren noch an der Uni, als sich unsere Liebe fand.
Zwei junge Menschen auf dem Weg in ein Leben voller Abenteuer.

Unser Sinn war es die große Karriere zu machen, etwas anderes kam nie infrage.

Während andere Paare heirateten und Kinder bekamen, lehnte Maria solche Lebensweise total ab. Kinder niemals!
Ich hatte mich längst damit abgefunden, unser Leben ließ uns ohnehin dafür keine Zeit.

Marias Weg führte sie nach Frankfurt an die Börse, mein Weg führte mich in einen großen internationalen Konzern.
Während Maria sehr schnell Aufstieg in der Liga der Händler und ein unglaubliches Gehalt verdiente, war mein Aufstieg zumindest was das Geld betraf nicht so rosig ausgefallen. Gestört hatte mich dieser Unterschied nie.

Unsere kleine Welt war wirklich sehr begrenzt, die gemeinsamen Stunden konnten an der Hand abgezählt werden.

Wir bauten uns ein Haus in der Pfalz, umgeben vom Wald und unsere Nachbarschaft bekamen wir fast nie zu sehen.
Finanziell ging es uns sehr gut, wer kann schon von sich behaupten ein wahres Luxushaus innerhalb von fünf Jahren bezahlen zu können. Wir schon! Aber wo war unser Leben?

Das war für uns kein Thema und bei der wenigen Zeit auch nie sonderlich von Bedeutung.

An einem Freitagnachmittag änderte sich unser Leben schlagartig, sozusagen innerhalb von Sekunden. Maria war mit ihrem Porsche auf dem Weg zu unserem Haus. Es regnete in Strömen und sie musste noch unbedingt für das Wochenende einkaufen. Ich hatte an diesem Tag keine Zeit, ein Meeting hetzte die nächste Besprechung und dazwischen qualmte es an allen möglichen Stellen. Wir hatten an diesem Tag einen kleinen Gau.

Maria raste hingegen mit ihrem Porsche durch den Regen und circa drei Kilometer vor unserer Autobahnabfahrt passierte das Unvermeidliche. Ein Lastzug scherte einfach auf die Überholspur und Maria musste voll auf die Bremse gehen. Auf der nassen Fahrbahn begann der Porsche zu schwimmen, erst touchierte er die Leitplanken, dann streifte er einen Kleinlaster, der gab dem Wagen einen leichten Dreh und schon raste der Porsche über den Seitenstreifen in die Böschung hinab. Das hohe Tempo hielt den Wagen nicht unten, sondern ließ ihn einen steilen Weinberg ansteigen, immerhin noch gut hundertfünfzig Meter.

Es war ein Bild der Verwüstung, auf der Autobahn lagen überall Fahrzeugteile, nachfolgende Pkw waren ineinandergefahren und der Porsche hatte den Weinberg in einer breiten Flucht zerstört.

Das Wrack stand am Berg und durch den Regen waren die Sichtverhältnisse durch den bevorstehenden Abend schlecht. Die Feuerwehr musste erst einmal die Unfallstelle ausleuchten, bevor sie erkannten, ohne Bergungsgerät war der Porsche nicht mehr zu öffnen.

Maria, die aus mehreren offenen Wunden blutete, war ohne Bewusstsein und eingeklemmt. Es dauerte zwei Stunden, bis sie aus dem Fahrzeug befreit war und in ein Krankenhaus transportiert wurde.

Ich bekam von dem Unfall erst mit, als ich die Unfallstelle passierte und den Porsche auf dem Abschleppwagen sah. Ich hielt an und sprach mit den Polizisten.

Im Krankenhaus erwartete mich die nächste Hiobsbotschaft. Maria würde zwar überleben dafür aber gelähmt sein. Das war ein Schock! Sie lag bewusstlos auf der Intensivstation und ich stand an ihrem Bett und konnte nicht helfen. Wer sollte informiert werden? Niemand, wir hatten doch keine Verwandten mehr.

Ich saß an ihrem Bett und fragte mich: „Was hat uns das Leben bisher eigentlich gebracht?“

Meinem Chef machte ich verständlich, meine Lebensgefährtin braucht mich jetzt. Seine Worte trafen mich erneut. „Ihnen ist wohl bewusst, dass sie in Zukunft weniger verdienen werden, außerdem mit einem Manager der hier nicht zu zweihundert Prozent arbeitet, kann ich nichts anfangen.“

Zwei Monate später konnte ich Maria aus dem Krankenhaus nach Hause holen. Ich setzte sie auf den Beifahrersitz, verstaute den Rollstuhl im Kofferraum und wir fuhren zu unserem Haus. Sie hatte die ganze Fahrt über kein Wort gesagt, bleich, einem Häufchen Elend gleich saß sie auf dem Beifahrersitz.

Wir waren zwei wahre Planer und wir hatten unser Haus schon vom ersten Stein an auch für das Alter gebaut. Wer hätte gedacht wir würden dies schon viel schneller brauchen als gedacht.

Ich fuhr den Wagen in unsere Doppelgarage und half ihr in den Rollstuhl. An unserem Haus waren die Wege ebenerdig und so konnte der Rollstuhl ohne Probleme ins Erdgeschoss gelangen. Wir hatten sogar einen Aufzug eingebaut. Unsere Freunde haben uns damals alle belächelt und sagten. „Die zwei Römer spinnen!“

Maria ging mir die nächsten zwei Monate so gut es ging aus dem Weg. Ein Gespräch war einfach nicht möglich.
Ich hatte meine Hoffnung schon längst aufgegeben, da schob sie ihren Rollstuhl neben meinen Wohnzimmersessel und lächelte mich an.

In ihren Händen hielt sie ein Schreiben. Ich fragte wie es so oft in solchen Augenblicken vorkommen mag das Falsche.
„Geht es dir gut?“

„Eine noch blödere Frage fällt dir dazu nicht ein. Ich habe heute meinen Rentenbescheid bekommen.“ Sie lachte fast hysterisch, dann schlug sie mit der geballten Faust auf ihren Stuhl ein. „Verdammte Scheiße! Ich bin doch erst vierzig! Soll ich in solch einem Scheiß Rollstuhl dahin verkümmern? Ich bin doch kein Krüppel!“

Ich versuchte, sie zu trösten. „Nein! Du bist kein Krüppel, aber ändern kannst du die Dinge auch nicht mehr.“

„Du hast gut reden, du bist von dieser Geschichte nicht betroffen!“

„Wir sind ein Paar, in einer Gemeinschaft sind immer beide Teile betroffen. Geht es dir schlecht, geht es auch mir nicht gut.“

Maria giftete. „Du schwallst doch nur Scheiße!“

In unserem ganzen Leben hatte ich noch nie aus ihrem Mund innerhalb kurzer Zeit solche heftigen Worte gehört. Sie war immer beherrscht, hatte jede Situation im Griff. Es schien als sei über ihr die große Verzweiflung hereingebrochen.

„Wir können über alles reden, Maria. Schau wir haben ein schuldenfreies Dach über dem Kopf und unsere Ersparnisse sind auch noch nicht weg. Wir können jede Situation meistern.“

Maria schrie laut. „Wir sind bettelarm. Du Armleuchter hast dich in eine schlechtere Position versetzen lassen und ich kriege ganze 1.350 Euro Rente, dafür habe ich jahrelang den Höchstbeitrag in diesen Mistverein bezahlt.“

Ich versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch sie wies mich ab. Hemmungslos liefen die Tränen die Wangen hinab. Ich versuchte das Gespräch erneut in Gang zu setzen.
„Ist dir schon einmal aufgefallen unser Leben dreht sich nur um das liebe Geld. Geld, Haus, Auto und wo bleiben wir? Was haben wir in fünfzehn Jahren Gemeinsamkeit erlebt? Ich meine wirklich erlebt außer der Arbeit. Nichts!“

Maria schaute mich entrüstet an.
„Ach ein Haus ohne Schulden hat wohl keinen Wert?“
„Darum geht es doch nicht. Waren wir jemals in Urlaub?“
Maria verschränkte ihre Arme vor ihrem Oberkörper, trotzig wie ein Kind.

„Das geht schlecht, so ein Haus abzahlen, alle zwei Jahre neue Autos und teuere Designerklamotten. Irgendwo muss eben auch bei Leuten wie uns gespart werden.“
Ich war entsetzt. „Du willst mich wohl nicht verstehen. Unsere alten Freunde sind alle verheiratet und haben zumindest ein Kind. Und was haben wir?“

Maria schrie. „Ich brauche keine Kinder, Windelscheißer, eine Bande durch das Haus ziehender Ungeheuer. Die machen mir doch meine Einrichtung kaputt. Die Vase dahinten, aus China, achthundert Jahre alt. Weißt du, wie wertvoll diese Vase ist?“

„Maria, diese Dinge mögen einen materiellen Wert haben und wo bei allen deinen Einwänden ist der Wert deines Lebens.“

Maria blickte zornig. „Mein Leben hat keinen Wert mehr oder soll ich ihn mit 1.350 Euro monatliche Rente ansetzen.“

Ich konnte es nicht fassen. „Du hast deine Zusatzversicherungen vergessen, außerdem hast du aus deinen Policen Geld bekommen. Du klagst auf hohem Niveau. Die Rente, die du bekommst, kriegen viele nicht einmal für ein langes Leben in harter Knochenarbeit!“

„Du Armleuchter, dafür habe ich studiert.“

„Komme lieber schnell herunter von deinem Egotrip, der ist überhaupt nicht hilfreich. Wir sollten uns lieber Gedanken um die Zukunft machen. Ich würde zum Beispiel auch ein Kind adoptieren.“

Maria schrie das ganze Haus zusammen. „Ich werde in diesem Haus niemals Kinder akzeptieren, außerdem geh doch zu deinem Flittchen und mache der ein Kind. Meinst du, ich wüsste nicht von deinem Verhältnis!“

Das verschlug mir nun fast vollends die Sprache.

„Ich und Verhältnis, was habe ich den die ganzen Monate für dich getan. Warum habe ich mich in meiner Position verschlechtert? Weil ich im Gegensatz zu dir begriffen habe, mein Leben gehört mir und nicht irgendeinem monatlichen Scheckgeber.“

„Jens, du spuckst ganz schön große Töne! Wie willst du unser Haus erhalten? Wie willst du mir einen behindertengerechten Wagen finanzieren?“

Sie drehte sich mit ihrem Rollstuhl um und verschwand.
Es vergingen weitere zwei Monate, in denen wir uns wieder nur anschwiegen. Einen Wagen hatte sie noch keinen, wozu auch. Sie hatte beschlossen sich in ihr Schneckenhaus zu verziehen und dort hatte außer ihr keiner mehr Zutritt.

Ich bereute schon fast, zu früh in meinem Job eine Veränderung herbeigeführt zu haben. Im Leben weiß man oft erst viel später, wozu die gewagten Schritte, dann doch gut waren.

Ein Freund, dessen Unternehmen fast an unserem Wohnort lag, hatte mir einen Job mit gleichen Konditionen geboten. Ich hatte die Herausforderung angenommen, in einem kleinen Unternehmen zu arbeiten. Es war eine völlig neue Welt für mich und die Arbeit machte mir auch wieder richtig Spaß.

Marias Meinung dazu war eher bissig. „Damit hat er wohl seine Karriere endgültig begraben. Du warst schon immer ein unzuverlässiger Versager.“

Diese Worte blieben auf meiner Seele tief eingebrannt. Es würde lange dauern, bis ich wieder mit ihr sprechen würde.
Ich fragte mich immer mehr: „Was lief in unserem Leben einfach so verdammt schief? Wir hatten doch wirklich keinen Grund so miteinander umzugehen.“

Die nächsten Wochen herrschte in diesem Haus ein eisiger Wind. Das lag nicht nur am beginnenden Winter. Das Weihnachtsfest wurde wohl das traurigste Fest meines Lebens. An Neujahr kam mir sogar der Gedanke, meinem Leben ein Ende zu setzen. Maria war meine große Liebe, doch ich konnte sie nicht mehr erwärmen. Ihre Gefühle waren zunehmend erkaltet und ihr Herz voller Bitterkeit verschlossen.

Im Februar lag hoher Schnee vor unserem Haus und ich blickte an einem Samstagmorgen verträumt über die Schneedecke. Vor meinen Augen zogen die Kindertage vorbei, Schlittschuhe, Rodelschlitten, Schneeballschlachten und das übermütige Kinderlachen. Ich hörte nicht die Klingel und ich merkte auch nicht die Besucher, die längst in ein Gespräch mit Maria vertieft waren. Ich war meilenweit weg von diesem Leben in einer anderen Welt.
Irgendwann sah ich eine alte Frau an unserem Wohnzimmertisch heulend eine Geschichte erzählen. Eine junge Frau saß daneben und stellte ständig irgendwelche Fragen. Ich wollte davon keine Silbe hören, doch Maria rief mich an den Tisch.

Wie aus weiter Ferne fand ich in die Gegenwart zurück und mein Gehirn nahm die Worte wahr.

„Wer kümmert sich jetzt um die armen Kinder? Das ist wohl unsere Angelegenheit.“ Irgendwie verstand ich diese Worte nicht. Welche Kinder? Wir hatten doch keine Verwandten mehr.

Das war unsere Sicht der Verhältnisse, doch in Ostfriesland gab es tatsächlich eine entfernte Cousine meiner Frau. Die guten Leute hatten dort einen Bauernhof und zwei Kinder, ein Mädchen fünf und einen Jungen sieben Jahre alt. Ihr Hof war abgebrannt und die Eltern an einer Rauchgasvergiftung gestorben.

Das plätscherte alles an mir vorbei wie ein Wasserfall, betraf mich nicht und war auch nicht von Bedeutung für mich, wäre da nicht dazwischen ein Sirenengesang gewesen.

Maria interessierte sich für das Schicksal dieser beiden Kinder. „Natürlich nehmen wir die beiden Kinder, nicht wahr Jens. Unser Haus ist groß genug und außerdem haben wir einen großen Garten. Kinder sind doch wichtig im Leben, außerdem sind es meine einzigen Verwandten.“

Ich traute kaum meinen Ohren.

Die Dame vom Jugendamt meinte. „Es wäre gut sie wären verheiratet, es würde manches einfacher machen. Ich bin mir auch nicht sicher ob Kinder in dieses Haus passen, die wertvollen Sachen, die hier so herumstehen. Kinder werfen schon einmal was um.“

Maria nickte zustimmend. „Heiraten wollten wir schon lange, aber dann kam mein Unfall dazwischen. Irgendwie haben wir dann dieses Ziel aus den Augen verloren. Das Zeugs hier.“ Sie zog mit der Hand einen Kreis durch die Luft. „Das ist doch nur tote Materie. Die besonders wertvollen Sachen werden wir bei einem Auktionshaus versteigern lassen. Das Geld nehmen wir dann für die Ausbildung unserer Kinder. Du teilst doch meine Meinung Jens?“

Mir blieb erst einmal die Spucke weg. Ich nickte nur zustimmend. Das war für mich nicht nachvollziehbar, meine Maria übernahm so ganz nebenbei meine Ansichten.
Die nächste Zeit war mit Hektik verbunden.

Maria nicht ich, entrümpelte das Haus. Die wertvollen Sachen kamen unter den Hammer in einem Düsseldorfer Auktionshaus auf der Kö und brachten eine für mich unvorstellbare Summe ein. Hatten wir wirklich in unserem bisherigen Leben in so einem wertvollen Staub gelebt?

Die Wandlung Marias ging mit einem Affentempo weiter. Ich konnte nicht einmal so schnell schauen, wie sie plötzlich unser Haus und dabei auch sich veränderte.

Sie richtete beiden Kindern ihre Zimmer ein und kaufte sich einen behindertengerechten Peugeot 1007.

Maria und ich heirateten und was ich längst nicht mehr gewagt hatte zu hoffen, trat ein. Wir wurden eine richtig starke Familie.

Unsere beiden Kinder entwickelten sich prächtig.

Tom ist mittlerweile achtundzwanzig Jahre alt, von Beruf Anwalt und heiratet am heutigen Tag seine langjährige Freundin.

Unsere Tochter Lisa ist Ärztin und sie hat im letzten Jahr die Praxis unseres Hausarztes übernommen.

Und wir? Wir haben viele glückliche Jahre geschenkt bekommen, trotz Rollstuhl. Wir haben gelernt, das Leben zu leben. Maria würde heute nicht glauben, dass sie einmal drauf und dran war, ihr Leben nur für das Geld zu opfern.

Ich liebe meine Frau immer noch so wie in unseren Studententagen und eigentlich möchte ich keinen Tag missen, auch die weniger Guten nicht.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans « Das Chaos »

Samstag, 23. Oktober 2010

Kreuzfahrt ins Glück

Kreuzfahrt ins Glück.

Sophie knallt ihr Weinglas auf den Tisch und schaut wütend zu ihrem Tischnachbarn hinüber. „Weißt du, was du bist! Ein kleiner Maurermeister, der sich zum großen Bauunternehmer aufspielt. Du Spießer! Wenn ich mich amüsieren will, dann tue ich es auch. Es gibt auch noch andere Männer auf dieser Welt, Eduard. Ich suche mir jetzt einen mit dem entsprechenden Charisma.“

Der Oberkellner eilt zu dem Tisch. „Meine Dame, wir sind in einem 5 Sterne Hotel. Ich möchte sie bitten, Ihren Ton etwas leiser anzuschlagen.“

Sophie stemmt ihre Hände in die Hüften. „Steck du Würstchen deine 5 Sterne sonst wohin, du dämlicher Lackaffe! Eduard ich lasse mich scheiden.“

Sophie springt vom Tisch auf und rennt davon. Der Oberkellner schaut ihr sprachlos hinterher. „Ist ihre Frau immer so?“ Eduard lacht. „Seit sie den Verstand verloren hat, sie glaubt allen Ernstes, sie gehöre zu den besseren Kreisen.“
Der Oberkellner grinst. „Da wird sie aber noch lange üben müssen, so wird sie besten Falls bekannt in der Boulevardpresse.“ Eduard ist diese Aktion peinlich. Einige Leute starren ihn immer noch an.

„Bringen sie mir bitte die Rechnung.“ Der Oberkellner schaut Eduard verwundert an. „Welche Rechnung soll ich ihnen bringen? Sie haben doch noch gar nichts bestellt.“ Eduard nickt nur und steht auf.

„Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend.“ Der Oberkellner orakelt. „Hoffentlich kommen nicht noch mehr solche Peinlichkeiten durch die Tür herein spaziert.“ „ Ich kann mich nur für meine Frau entschuldigen.“

Der Oberkellner meint tröstlich. „Seien sie froh, wenn sie diese Furie los sind.“
Dieses unangenehme Ereignis hat sich genau vor acht Monaten, drei Tagen und vier Stunden zu getragen. Seit drei Tagen ist Eduard geschieden und jetzt steht er an der Reling eines Kreuzfahrtschiffes und schaut hinunter in das geschäftige Treiben des Hafenbetriebes. Diese Reise verdankt er seiner Schwester Elvira und die hat nichts Besseres zu tun, als sich angeblich unsterblich zu verlieben. Wie bescheuert sind eigentlich die Menschen? Vor drei Jahren ist ihr Ekel von Mann bei einem Unfall mit seiner Geliebten ums Leben gekommen. Er hatte geglaubt seine kleine Schwester wäre intelligenter und jetzt kommt sie doch tatsächlich mit einem eher mittellosen Schriftsteller an. Das will Eduard nicht akzeptieren und schon gar nicht erst dulden. Er wird diesen Hochstapler entlarven. Jawohl! Er wird ihm die Fratze des angeblichen Ehrenmannes entreißen, ihn bloßstellen und der Welt zum Spott vorwerfen. Während Eduards Gesichtsausdruck Bände spricht, steht plötzlich Elvira neben ihm.
„Also wirklich, Bruderherzchen, ich habe dir diese Reise geschenkt, weil ich dachte, du freust dich und jetzt machst du eine Visage wie drei Tage Regenwetter.“
Eduard wird sich seiner Gefühle bewusst und lächelt sie an. „Entschuldigung, mein kleiner Engel, ich fürchte du schlägst mich noch mit einer größeren Dummheit.“ Elvira hakt sich bei ihm unter und meint. „Nur weil du auf diese größenwahnsinnige Friseuse reingefallen bist, muss ich nicht automatisch ein ähnliches Schicksal haben.“

Eduard ist da ganz anderer Meinung. „Was weißt du über deinen Schriftsteller? Nichts! Das ist ein absoluter Hochstapler, der sucht doch geradezu ein warmes Nest, in dem er sich wohlfühlen kann.“

Elvira nimmt den rechten Zeigefinger und stupst ihn auf seine Nase. „Hallo großer Bruder, höre ich da etwa die Eifersucht aus deinen Worten?“ Eduard drückt seine Schwester an sich. „Nein! Ich will wirklich nur dein Glück.“ „Na dann ist ja gut.“ „Wo steckt der Typ eigentlich?“

„Der Typ hat einen Namen und heißt Sebastian.“ „Wie? Sebastian, wie kann einer schon so heißen. Der richtige Name für einen Heiratsschwindler.“ Elvira lacht laut. „Jetzt reicht es aber wirklich mit dir. Nimm dich gefälligst zusammen. Er weiß nichts von meinem Bruder und ich wollte ihn eigentlich auf die Probe stellen. Jetzt kommen mir aber erste Zweifel.“

Eduard atmet erleichter auf. „Wenn es so ist, dann werde ich mich ganz anständig verhalten.“ Elvira drückt ihren Bruder an sich. „Falls ein Baulöwe so etwas überhaupt kann.“ Eduard lächelt mit der Sonne um die Wette. „Ich kann, du wirst schon sehen.“ Elvira ist beruhigt. „Okay! Ich mache mich erst einmal rar. Er sitzt an der Bar.“

Eduard schaut missbilligend auf seine Uhr. „Doch nicht schon um diese Zeit? Ist er Alkoholiker?“ Elvira meint schelmisch. „Da habt ihr dann was gemeinsam.“
Der Bruder sucht die Bar. Auf einem großen Kreuzfahrtschiff gibt es mehr als eine Bar. Eine halbe Stunde später wird er fündig. An der Kaffeebar sitzt ein Mann in einem dunklen Anzug mit Krawatte. Diese Person ist wohl Mitte vierzig. Eduard ist der Spund viel zu jung, er müsste älter sein, sechzig, siebzig. Jetzt ist er schone einmal hier, warum also nicht näher begutachten.

„Gestatten, ist der Platz neben ihnen frei?“ Der Mann dreht sich kurz um und lächelt ihn an. „Von mir aus können sie die ganze Bar haben, mir reicht dieser kleine Platz, auf dem ich zur Zeit sitze.“ Eduard ist ein wenig erstaunt. „Ich heiße Eduard.“ Er reicht dem Mann die Hand. „Ich bin der Sebastian.“ Eduard setzt sich neben ihn. „Was trinken sie?“ Sebastian lächelt. „Einen doppelten Espresso und einen Bitterino.“ Eduard fragt interessiert. „Wie viele Umdrehungen hat der Bitterino?“ „Null, alkoholfrei.“ Eine junge Dame kommt herüber und fragt. „Was darf es für sie sein mein Herr?“ Eduard zeigt schweigend auf seinen Nachbarn. Die Bedienung lächelt freundlich. „Verstehe und für sie sicher auch noch einmal?“ Sebastian nickt. Während die Bedienung sich an die Arbeit macht, wandern Sebastians Augen über die Tische. „Suchst du etwas Bestimmtes? Ich darf doch du sagen?“ Sebastian nickt, eine leichte Röte breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Ich wollte nur einmal wissen, was es so kostet.“ Eduard lacht laut auf. „Du machst mir wirklich Spaß. Wir haben gerade erst abgelegt und du bist schon klamm.“ Sebastian sagt freundlich. „Behalte es für dich, ich habe meine Spargroschen zusammengelegt. Diese Reise ist mir eher eine Nummer zu groß.“ Eduard meint erstaunt. „Ach, so! Und wie hast du dein Ticket bezahlt?“ Sebastian winkt ab. „Es ist egal, was die Leute von mir halten, meine Freundin hat die Reise bezahlt.“ Eduard ist begeistert. „Heißt das, du hast hier eine Alte aufgerissen, die voll Knete hängt. So eine suche ich nämlich auch.“ Sebastian grinst. „Das ist nicht, wie du denkst, meine Freundin ist eine Putzfrau und langsam denke ich sie hat sich übernommen oder mich geleimt.“ Eduard ist sprachlos. „Wie geht denn so was?“ Sebastian lässt die Schultern hängen. „Sie ist nicht einmal gekommen und so wie es aussieht auch nicht an Bord. Das Ticket scheint aber bezahlt zu sein, sonst hätten sie mich doch längst Achtkant von Bord geworfen.“ Eduard kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wie lange bist du mit deiner Putzfrau zusammen?“ „Seit einem Jahr.“ Das verschlägt allerdings Eduard die Sprache, er hatte geglaubt, das Paar kennt sich erst ein paar Wochen. „Und da ist dir nicht in den Kopf gekommen, deine Freundin hat gar kein Geld?“ „Doch schon aber sie hat wohl ein wenig geerbt.“ Eduard nickt zustimmend. „Klar doch! Und wie hast du sie kennen gelernt?“ „Ich war Zeuge.“ „Trauzeuge?“ „Nein! Sie hat einen Unfall gebaut mit dem Wagen von ihrem Boss. Das war ein teueres Auto.“ Eduard spricht unbeabsichtigt. „Sag bloß, es war ein Jaguar.“ Sebastian nickt. „Genau, ein Jaguar und der gehörte ihrem cholerischen Chef, einem Millionär am Wannensee.“ Eduard schüttelt den Kopf, erstens war es sein Jaguar und zweitens war er kein Choleriker, er nicht. „Vielleicht bist du einer Betrügerin aufgesessen.“ Sebastian nickt zustimmend. „Diesen Verdacht habe ich allerdings mittlerweile auch. Ich habe mich wohl sehr getäuscht in ihr. Warum verliebe ich mich immer in die falschen Frauen?“ Eduard hingegen stellt fest, da läuft was aus dem Ruder. Was hat sich seine Schwester bei der Nummer gedacht. Der arme Kerl ist völlig naiv und obendrein auch noch so zutraulich. Er nippt an seinem Espresso. „Das ist wohl deine erste Kreuzfahrt.“ Sebastian hat seinen Humor wieder gefunden. „Ja! Meine erste Schiffsreise und zugleich die letzte Reise in meinem Leben.“ Eduard meint betroffen. „Du musst dich nicht gleich umbringen, kein Mensch ist so viel wert.“ „Ich mich umbringen wegen einer Frau? Dann müsste ich schon lange tot sein.“ „Warum ist es dann deine letzte Reise?“ „Ich bin ein Schriftsteller und meine Mittel sind beschränkt.“ Eduard schüttelt den Kopf. „Also weißt du, du siehst gut aus, hast Manieren, warum angelst du dir keine Millionärin?“

Sebastian lächelt vor sich hin. „Das kannst du nicht verstehen, bei mir geht es nicht um das liebe Geld. Ich brauche Gefühle, Düfte, Atem, Träume und Visionen, das kannst du mit Geld nicht bezahlen.“ Eduard lacht laut. „Weißt du, was dein Problem ist? Du bist blind! Jawohl! Mach die Augen auf, in dieser Welt zählt nur das Geld und sonst interessiert es kein Schwein, was du tust oder wer du bist.“ Sebastian klopft ihm auf die linke Schulter. „Siehst du, du bist genauso verblendet, lässt dich vom Geld narren und läufst winselnd hinter jeder Gelegenheit her, noch mehr Geld zu machen. Was hast du am Ende davon? Nichts! Vielleicht einen Goldsarg, aber drei Meter tiefer gehst auch du.“

Eduard nickt zustimmend. „An dieser Ansage ist etwas Wahres dran, wenn mir auch die andere Vorstellung eben besser gefällt. Wenn du auf mich hörst, dann angelst du hier auf diesem Schiff endlich eine Frau mit Geld.“

Sebastian steht auf. „Kann ich bezahlen?“ Die Bedienung lächelt freundlich. „Können schon, mir reicht aber ihre Codekarte.“ Sebastian reicht ihr die Karte. „Am Ende der Reise starte ich eine Karriere als Tellerwäscher oder Knastbruder.“ Eduard meint dazu nur. „Du hast einen merkwürdigen Humor.“ Sebastian entgegnet. „Ich weiß, jedem Tierchen sein Pläsierchen und mir meine Welt. Ich wünsche dir viel Glück beim Angeln. Mir steht danach nicht mehr der Sinn. Ich sage es ganz banal: Habe fertig mit Frauchen, soll sich anderes Hündchen suchen.“

Sebastian geht in seine Suite und ist für die nächste Zeit mit seinem Laptop verheiratet.

Eduard schwant weniger Gutes, er befürchtet zu Recht die ersten tiefen Regenwolken am Liebeshimmel seiner Schwester. Er ist bereits auf dem Weg zu seiner Unterkunft, da stellt sich ihm Elvira in den Weg. „Na, wie findest du ihn? Süß, nicht war, ein ganz toller und großartiger Mann.“ Eduard, der angetreten ist, um die Verbindung zu verhindern, hat längst seine Entscheidung getroffen. „Elvira, ich mache da nicht mehr mit.“ Elviras Gesicht wird kreidebleich. „Mache mir das nicht kaputt!“ Eduard lacht wenig erfreut, eher voller Hohn. „Du brauchst niemanden um etwas kaputt zu machen, die Kleinigkeit erledigst du spielend, ganz allein.“ „Was redest du für einen Blödsinn?“ „Denkst du nicht, es wäre an der Zeit gewesen, wenn man eine Beziehung schon so lange pflegt, auch einmal mit der Wahrheit herüberzurücken? Glaubst du wirklich, dass du das jetzt noch gebacken bekommst? Ich Vollidiot! Der arme Mann hat auf dich gewartet.“ „Na und? Das macht die Sache interessanter.“ Eduard entgegnet trocken. „Falls du die Liebe als ein Spiel verstehst, dann wirst du ja auch wissen, wann man verloren hat. Du hast auf jeden Fall mehr als schlecht gespielt.“ Elvira ist geschockt. „Das ist nicht wahr! Ich liebe ihn doch.“ Eduard schüttelt fassungslos den Kopf. „Dazu gehört auch Vertrauen und vor allem Ehrlichkeit. Ich weiß wirklich nicht ob dir noch zu helfen ist. Ich gebe zu, ich habe es nicht gewusst, wie sehr dich doch noch deine Vergangenheit gefangen hält. Nur im Leben muss man auch loslassen können.“ Elvira faucht. „Männer sind eben Schweine!“

Eduard hat keine andere Antwort erwartet. „Du hast gedacht, da spiele ich mit dem armen Kerl, der ist so hilflos und es macht auch nichts, wenn er noch ein paar Fußtritte im Leben abkriegt. Elvira, so etwas ist pervers! Das ist krank entweder du bringst es in Ordnung oder ich. Ich lasse nicht zu, dass du so mit einem Menschen umgehst.“

Elvira stehen die Tränen in den Augen. „Danke! Das war wohl überfällig, hoffentlich habe ich noch eine Chance. Eduard, wenn ich alles falsch gemacht habe, fängst du mich dann noch auf.“ Eduard geht auf seine Schwester zu und nimmt sie in den Arm.

„Ja! Du bist und bleibst mein kleiner Engel.“

Was wäre das Leben, wenn es ohne Zwischenfälle stattfinden würde? Einige Meter weiter steht ein Mann und blickt hinaus auf das Meer und die Worte rauschen an sein Ohr. Natürlich versteht er nur Bruchfetzen, aber eines versteht er sehr wohl. Die beiden Personen, kennen sich sehr gut und die Frau war seine Putzfrau. Merkwürdig, wie sich doch die Ereignisse gleichen und es scheint als müsse man immer wieder diese Situationen durchlaufen, wie Lehrstunden aus denen die Lehre nicht gezogen wurde.

Das erscheint Sebastian nicht neu, es ist auch nicht anders und der Schmerz ist keineswegs betäubt. Wie in Trance geht er zurück in seine Kabine, die ihm vorher riesig erschien und nun eher viel zu klein ist für die Pein seines Herzens.
Während er in diesem Raum steht, sein Herz pocht und sein Blut pulsiert und der Verstand immer noch nicht bereit ist die Informationen zu verarbeiten, klopft es zaghaft an seiner Tür. Der Weg erscheint ihm endlos und ohne lange zu zögern, öffnet er die Tür.

Vor seinen Augen steht die falsche Schlange, die Versuchung aus dem Paradies, der Traum der Sehnsüchte, der Duft der Rose und die Dornen, die den Tod der Liebe bringen. Es ist nicht mehr der Flügelschlag des Glücks und nicht mehr der Glanz ihrer Augen, vielmehr der Mund, der spricht. „Es ist nicht so, wie du denkst, es ist vielmehr ganz anders.“

In Sebastians Ohren dröhnt es wie Donnerschlag, die Ouvertüre hat begonnen, die Dämmerung setzt ein. Das letzte große Finale und dann die vollkommene Stille. Er hat nicht mehr ihre Worte gehört, er hat nicht mehr ihre flehendliche Bitte vernommen und schon gar nicht mehr den ganzen Rest.

Schweigend stehen sie sich gegenüber, ob Sekunden, Minuten oder Stunden, es gleicht einer Ewigkeit.

Leise flüstern ihre Lippen. „Kannst du mir nicht verzeihen? Ich liebe dich so sehr und ich hatte so große Angst dir die Wahrheit zu sagen.“

Sebastian lächelt und sagt entwaffnend.
„Das hatte ich alles schon einmal und ich habe nicht vor es noch einmal zu erleben. Es ist nicht so, wie du denkst, es ist vielmehr ganz anders. Das hat damals meine erste Frau auch gesagt, als ich sie mit dem Schornsteinfeger im Bett erwischt habe. Ich habe geglaubt du bist anders. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft Elvira. Die Kosten für das Ticket werde ich dir abbezahlen. Das geht leider nur in Monatsraten.“

Hilflos entgegnet Elvira.
„Das Ticket ist doch überhaupt kein Thema. Es geht um uns, Sebastian.“

Sebastian meint ganz ruhig.
„Das hatte ich auch einmal geglaubt, jetzt weiß ich es besser.“

Elvira blickt unter sich und stammelt.
„Das ist alles nur ein Irrtum. Lass uns darüber reden.“

Der Mann schließt langsam die Tür und sagt.
„Was soll es da noch zu reden geben.“

Elvira flüchtet heulend in die Arme ihres Bruders. Ernüchternd meint Eduard. „Jetzt muss ich auch noch Gott Amor spielen, wenn das Mal gut geht, bei meinen beschissenen schauspielerischen Qualitäten.“

In den nächsten drei Tagen sieht es sowohl für den Gott der Liebe als auch für seine Boten auf Erden schlecht aus, es herrschen Donner und Blitz und die Wolken hängen tief.

Elvira vergießt ihre Tränen ins Bettlaken und Sebastian sucht das Heil unter den Menschen. Irgendwann auf dieser Tour begegnet er dann Eduard.

„Hallo Sebastian, lass uns einen Kaffee trinken.“ Sebastian willigt ein. „Warum nicht, wie ich sehe, bist du beim Angeln erfolgreich.“ Eduard hebt erstaunt den Kopf und schaut Sebastian an. „Wie meinst du das?“ „Wie soll ich das schon meinen, wo du doch aus einer Putzfrau eine Millionärin gemacht hast.“

Eduard beginnt ganz langsam die Katastrophe zu begreifen, welche sich da zwischen den Beteiligten entwickelt hat.

„Ich glaube ich muss was klarstellen. Ich war von Anfang an gegen dich eingestellt und habe auch Stimmung gemacht.“

Sebastian winkt ab. „Lass es gut sein, du hattest recht außerdem, wenn eine Frau dich nicht wirklich liebt, dann sollte sie dir auch gestohlen bleiben. Das ist zumindest meine Auffassung.“

Eduard grinst. „Du hast mich wohl nicht richtig verstanden, Elvira ist meine Schwester.“

Erstaunt schüttelt Sebastian seinen Kopf.
„Mein Gott und ich dachte immer ich erfinde gute Geschichten und dann schreibt das Leben noch unglaublichere Geschichten. Ihr braucht euch nicht mehr zu verstecken, ich weiß auch so bescheid.“

Eduard ist fassungslos, der Kerl schnallt es immer noch nicht.

„Ich gebe zu, meine Schwester hat es übertrieben, aber du scheinst ihr wohl in nichts nachzustehen. Ihr zwei seit wie geschaffen füreinander. Meine Schwester hat mit ihrem Mann sehr schlechte Erfahrungen hinter sich. Das liegt wohl in der Familie. Meine Frau, Sophie, war auch ein brillanter Fehlgriff meinerseits.“ Eduard klatscht in die Hände.

„So ist das Leben, Schnee von gestern, aufgewärmt ist auch nur Wasser.“
Sebastian meint humorvoll. „Eine kalte Dusche kann manchmal wirklich gut tun.“

Eduard sieht seine Chance gekommen.
„Jetzt allen Ernstes, das Mädchen heult sich die Augen aus. Das schadet der Schönheit einer Frau und sie ist nicht mehr die Jüngste, da dauert es noch viel länger, bis die Augen wieder schön leuchten. Liebst du sie?“

Sebastian gestikuliert mit seinen Händen.
„Das ist mein Problem, ich kann nicht mehr ohne sie.“

Eduard kann kaum glauben, was er da hört.

„Mann, du sitzt hier und wirst nicht aktiv. Jetzt musst du die Initiative ergreifen. Geh zu ihr, sprich mit ihr. Eine bessere Zeit findest du doch nicht. Ein Kreuzfahrtschiff, strahlend blauer Himmel, da vorne hängen die Geigen und dort hinten am Horizont geht gerade die Romantik auf. Mach hin sonst werde ich noch sauer. Weißt du überhaupt, wo ihre Suite ist?“

„Nein!“

Eduard schwebt zwischen Fassungslosigkeit und Verzweiflung.
„Ihr zwei seit echt die Härte.“

Er greift in seine Hosentasche und zieht die Zimmerkarte hervor. Er reicht den Chip Sebastian. Der nimmt ihn zaghaft in die rechte Hand. Eduard lächelt.
„Ab jetzt will ich endlich meine Ruhe, der Stress mit euch, der ist mir echt zu viel.“

Sebastian begibt sich zu Elviras Suite. Er öffnet zaghaft die Tür und wirft einen Blick hinein. Auf dem Bett sitzt Elvira und wirft einen Blick herüber.

„Hau bloß ab, du Mistkerl. Ihr Männer seit es nicht wert auch nur eine Träne für euch zu vergeuden.“

Irgendwie beeindruckt dieses Bild voller Elend Sebastian und er schließt hinter sich die Tür.

„Bist du gekommen, um mich zu demütigen.“

Sebastian setzt sich auf ihr Bett und lächelt sie an.
„Du hast immer noch die schönsten Augen der Welt. Tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Ich war eben völlig verzweifelt, du fehlst mir so.“

Elvira rückt näher und nimmt Sebastian in den Arm.
„Ich weiß auch nicht, ich habe irgendwie große Angst bekommen. Ich will nicht schon wieder leiden müssen.“

Ihre Lippen treffen sich zum Kuss. Ihre Hände suchen den Weg in die vertraute Zweisamkeit und irgendwann sind ihre Körper eins.

Endlich haben sie sich wieder gefunden und das trennende überwunden. Zärtlich haucht Elvira.

„So einen Unsinn machen wir nicht wieder. Jetzt haben wir schon die Hälfte der Reise verplempert.“

Sebastian haucht ihr zärtlich ins Ohr. „Dafür läuft unser Kreuzfahrtschiff aber endlich auf unserer Glückswelle.“

Elvira meint ausgelassen. „Dann könnten wir doch auch auf einem Kreuzfahrtschiff heiraten?“

Sebastian streichelt sanft über ihre Haare. „Ist das jetzt ein Heiratsantrag?“

Elvira feixt. „Heute macht den eben die Frau.“

Sebastian fährt über ihre Venushügel und meint.
„Ich denke, da muss Mann wohl ja sagen.“

Elvira stöhnt.
„Das machen wir dann aber richtig.“

Sebastian atmet schwer.
„Dann müssen wir aber eine neue Kreuzfahrt buchen.“

Elvira haucht.
„Was hast du denn gedacht, also wenn, dann wird das eine Reise ins Glück.“

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Mit Eis geschrieben

Mit Eis geschrieben


Ich liebte einst,
war sehr glücklich.

Ich wollte alles für die Ewigkeit aufschreiben,
wollte alles festhalten.

Den Baum im Garten
Das Laub am Ast
Meine Träume auch für die Zukunft
Meine Freuden und meine Trauer
Meine Liebe, meinen Schmerz
Augenblicke, Schwüre,
Versprechen, schöne Sätze

Nie dran gedacht, nie geglaubt auf ein Ende...
In meinem Eifer nahm ich ein Stift
ohne zu sehen _woraus_.

Schrieb alles wie im Trance auf
wollte jedem der Welt mitteilen..
Nicht nur in Liebe verweilen, raus schreien;

Hört bitte alle zu, lest meine Geschichte,
die schicksalhafte, traumhafte, einmalig schöne..

Nach Jahren machte ich mein Herz wieder auf,
Ich wollte nachlesen, was drin steht.

Ich suchte, suchte, fand nichts geschriebenes.

Keine einzige Zeile stand drin,
kein Wort war mehr vorhanden...

Als ich das merkte war ich schon ein Greis...
Ich schrieb anscheinend mit einem Stift-
aus Eis...

- Tedora- 7. Juli. 2006 00.30 Paraguay

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Medium Tedora

Ein Nachkomme der Göktürken aus dem Altai- Gebirge

Liebe: Alles Nix! Oder was?

Liebe: Alles nix! Oder was?


Die Rede ist natürlich von der Liebe
und dann gibt es auch gleich Hiebe.
Liebe kommt vom Herzen, aus dem Bauch.
Verwirrte Sinne, benebelt mit zartem Hauch.

Der Chemiker sagt dazu ganz gelassen:
Das sind primitive Schlüsselreize
aus einem angeborenen Urzeitprogramm.
Die Evolution findet solches biologisch sinnvoll.

Jetzt wird so langsam klar: Es ist der Botenstoff!
Gedopt wird auch dabei mit Dopamin.
Liebe ist also gedopter Leistungssport,
im Verbund mit einem Chemiecocktail?

Der Gipfel aber ist doch wahrlich die Idee,
mittels Chemie die ewige Treue einzuführen.
Können die uns Menschen nicht leiden,
oder tun sie uns die Liebe nur neiden?


© Bernard Bonvivant,
Autor des Romans « Das Chaos »

In eine neue Zeit der Liebe reisen

Ein blonder Engel am Morgen
vertreibt meist sofort die Sorgen.
Schnell ist der Reiz verflogen,
hat sich die Liebe davon gestohlen.

So manche Liebe verweht im Wind,
lässt zurück kein unschuldiges Kind.
Die Tränen im Auge füllen einen See.
Komm trinke beruhigenden Tee.

Voller Trauer, großer Schmerz,
die Liebe ist gestorben, kein Scherz.
Lass sie gehen in aller Stille.
Tue so, als sei es dein Wille.

Höre auf zu flehen oder gar zu klagen,
darfst neue Schritte ins Leben wagen.
Auf jedes Tief folgt ein Hoch,
du musst nur in Geduld warten noch.

Wie ein zarter Hauch kommt die Liebe,
erweckt in dir neue einzigartige Triebe.
Einer Blume gleich zur Blüte reifen,
in eine neue Zeit der Liebe reisen.


© Bernard Bonvivant

Sonntag, 26. September 2010

Die Liebesfee

Die Liebesfee

Auf ewig langen Pfaden durch das Leben gezogen, das Glück gesucht und doch nur Katzengold gefunden.

An die Liebe geglaubt und trotzdem seines Glaubens beraubt. Gehofft, gebangt, gekämpft und doch den Gral nicht gewonnen.

In einer stillen Minute ein Zwiegespräch geführt. Das Resultat eindeutig schmerzlich und wahr, das große Glück war diesem Leben nicht beschieden.

Hoffnung sollte im Herzen verbleiben und vielleicht das kleine Glück an einer verschwiegenen Ecke sich zeigen. Manchmal tut es gut, in Bescheidenheit und Demut durch die Welt zu wandeln.

Auf der Suche nach dem kleinen Glück steht plötzlich ein unscheinbares Wesen auf dem Lebensweg. Es schaut in die Augen, blickt tief in die Seele. Plötzlich spürende Wärme, eine fühlbare Nähe. Was will dieses Wesen sagen?

Aus Distanz versucht, die Gefühle zu verbergen, hinabsteigen in die Eiseskälte, gefrostet das Herz, verschlossen den Mund.

Das Wesen aber spricht. „Kennst du mich nicht? Unter diesem Himmelszelt ist ein jedem Menschen ein Seelenpartner beschieden.“

„Das kann nur eine Täuschung sein, viel zu oft im Leben genarrt und verblendet, so will der Verstand nicht mehr finden den Glauben. Damit ist ein für alle Mal Schluss!“

Das unscheinbare Wesen aber spricht. „Erlöst du mich, erlöse ich dich!“

„Solchen Unsinn mag so im Märchen beschrieben sein, doch in Wahrheit sieht es anders aus.“

Aus der Wesensmitte beginnt es sanft zu strahlen, eine warme Energie, erfasst das kalte Herz. Lässt es binnen Sekunden auftauen und die Sinne werden berauscht.

Funken sprühen, die Welt versinkt in einem Abendrot und der Mond scheint in strahlender Helle. Was mag nur hier geschehen?

Leise, zaghaft öffnet sich der Mund, haucht zärtlich leise Worte. Welche Kühnheit kommt so plötzlich ungeniert zu Tage.

Lippenpaare sich treffen, Donnern und Rauschen, Ouvertüre und Sinnlichkeit. Die Augenpaare strahlen sich an, das Lächeln sagt mehr als tausend Worte. Auf einmal scheint alles wunderbar und klar.

Das unscheinbare Wesen ist längst bezaubernd, betörend geworden zur schönen Frau. Was braucht es Verstand, wenn längstens die Herzen regieren.

Zwei Herzen tanzen im Reigen, ein Meer aus Blumen wiegt sich sanft in dieser zarten Brise und die Vögel stellen sich zum Konzert ein. In der Luft schweben leichte sommerliche Düfte.

Die Sterne funkeln wie ein Meer aus Juwelen und ein Feuerwerk der Sternschnuppen prasselt auf die Erde hernieder. Ihre zarte Haut verströmt das Liebesaroma, ihre Lippen schmecken voller sinnlicher Süße.

Zarte Knospen beginnen zu sprießen, streichelnd und liebkosend die Haut. Gefühle lösen alle Bedenken auf, zwei Körper verschmelzen zu einer gemeinsamen kleinen Welt. Der Geliebten die Hände verwöhnt anschließend im Überschwang die Füße liebkost.

Die Liebesfee engumschlungen, nicht endend wollende Zärtlichkeit. Amor sendet seine Pfeile aus und Aphrodite applaudiert von ihrem Throne, dass zwei Menschen endlich sich gefunden.

Die liebenden Herzen in Glückseligkeit verbunden, wandeln nun auf gemeinsamen Pfaden. Endlich ist das Zeitalter des großen Glückes angebrochen.

Der neue Morgen dieser Liebe möge ewiglich im goldenen Schein erstrahlen.


© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Samstag, 25. September 2010

Rudi und die Frau für ein Leben

Rudi und die Frau für ein Leben


Rudi war ein gutaussehender Mann, nur leider fand sich
nicht die richtige Frau für ein gemeinsames Leben.

Woran mochte solches liegen? Hatte er zu hohe Ansprüche?
War er gar ein Hallodri?

Er stand mit beiden Füssen auf dem Boden, nur bei den Beziehungen zu Frauen griff er immer daneben.

Vor ein paar Wochen traf er in einem Supermarkt die Frau für ein Leben. Die Dame war Mitte dreißig, blond, gertenschlank und hatte einen nicht zu übersehenden Busen.
Ihre blonden langen Haare umhüllten das Gesicht eines Engels und mittendrin leuchteten ein paar warme, braune Augen. Ihrer Kleidung nach musste diese Frau der gehobenen Gesellschaft angehören.

Es passierte zweierlei, ihre Augen trafen sich, um Rudi war es geschehen. Das Glas Gurken in seiner Hand glitt zu Boden. Der Aufschlag des Glases, das zerplatzende Glas, die sich auf den Boden ergießenden Gurken, in aromatischer Würze eingelegt; alle diese Sekunden hatte er nicht einmal mitbekommen.

Die Augenpaare verschmolzen ineinander, die Welt um sie herum verschwamm in einem grauen Schleier.

Eine Verkäuferin schüttelte nur den Kopf und bekümmerte sich um die Sauerei am Boden. Diese Arbeit wurde ihr zudem erschwert, der Mann stand wie eine Wachsfigur zwischen den Regalen, auch die Dame seines Herzens schien am Boden festgeklebt zu sein. Ihre Herzen tanzten dagegen Walzer im Dreivierteltakt.

Die Verkäuferin maulte. „Gehen sie endlich zur Seite!“ Keine Reaktion, Rudi schien seine Außenwelt nicht mehr wahrzunehmen. Die Verkäuferin stellte sich demonstrativ vor den Mann und schrie.

Zwei Regalreihen weiter hielt sich der Marktleiter die Ohren zu. Er kam natürlich sofort angelaufen, um seine Mitarbeiterin zur Rede zu stellen. Angesichts dieser Situation war er aber auch nur sprachlos, so etwas hatte er noch nie in seinen dreißig Jahren als Marktleiter gesehen.

Eine Gruppe von neugierigen Kunden hatte sich bereits um das Geschehen aufgebaut. Ein Mann äußerte sich in mehr als abfälliger Weise. Rudi hingegen schritt endlich auf die Frau zu, diese reichte ihm wie in Trance die Hand. Er ergriff ihre Hand, hielt sie behutsam, fast zart in seiner Hand.

Das Paar verließ den Supermarkt.

Die Verkäuferin zeigte auf die beiden Einkaufswagen. „Was passiert damit?“ Der Markleiter stöhnte. „Das weiß ich jetzt auch nicht! Ich denke die werden im Moment an so etwas nicht denken.“ Die Verkäuferin meinte. „Schöne Bescherung und ich darf die Ware wieder in das Regal zurückbringen. Eigentlich gehören solche Menschen nicht auf die Strasse.“

Eine ältere Frau kicherte verlegen. „Das müsste mir Mal passieren.“
Der Markleiter grinste. „Ich denke der Ehemann wird den Typen durch die Strassen dieser Stadt jagen.“

Das interessierte Rudi an der Stelle wenig, er genoss die Zeit mit Krystyna Dzierwa. In beiden Menschen war eine Liebe entflammt und sie vergaßen ihre Umwelt.
Krystyna war aus Polen nach Deutschland gekommen, sie wollte hier in ihrem Beruf als Verkäuferin arbeiten. Leider hatten ihre Anwerber in Polen, sie für einen anderen Job vorgesehen. Sie sollte in einem Bordell anschaffen. Krystyna war dort nicht einmal einen Tag geblieben, sie war bei der ersten Möglichkeit geflohen.

Ihr Weg führte sie direkt in die Arme einer älteren Dame, diese war überaus froh, eine Gesellschafterin gefunden zu haben. Sie kleidete Krystyna ein und hatte ihr ein Dach über dem Kopf gegeben.

Die alte Dame nahm die Beziehung zu Rudi sehr gelassen auf. Ihre einzige Bitte war, Krystyna sollte ihr weiterhin als Gesellschafterin zur Verfügung stehen.
Das Paar schwebte auf Wolken, getragen von einer großen, einzigartigen Liebe.
Krystyna meldete ihre Ausweispapiere als gestohlen. Die polnische Botschaft sicherte ihr zu, so bald als möglich neue Papiere zu übergeben. Natürlich mussten dafür eine Reihe Anfragen in ihrer polnischen Heimat gestellt werden. Irgendwie mussten auch die Vermittler in Kenntnis gesetzt worden sein. Sie standen eines Morgens vor der Haustür und wollten Geld sehen.

Rudi vereinbarte mit ihnen einen Übergabetermin, schließlich brauchte er Zeit um das Geld zu besorgen. Die alte Dame schaltete hingegen einen guten Bekannten, einen ehemaligen Polizeidirektor ein.

Am Abend der Geldübergabe durften die Geldeintreiber leider nicht über Los, sondern mussten direkt in die Gefängniszelle. Krystyna hingegen erhielt ihren Ausweis und ihren Reisepass zurück.

Überglücklich meinte Rudi. „Jetzt können wir doch das Aufgebot bestellen?“ Die alte Dame meinte lächelnd. „Ich denke Rudi, du hast etwas vergessen. Ich weiß auch schon wie ihr das gelöst bekommt.“ Sie verschwand für einige Minuten, um anschließend Rudi einen Ring mit Rubinen zu überreichen. Der stammelte verlegen. „Diesen Ring kann ich nicht annehmen, der ist viel zu wertvoll.“

Die alte Dame meinte. „Der ist doch nicht für dich, der ist für Krystyna.“ Rudi nahm die Hand seiner Geliebten, streifte ihr über den Ringfinger der linken Hand den Ring. Anschließend ging er vor ihr auf die Knie. „Du bist die Frau für ein Leben. Krystyna, willst du meine Ehefrau werden?“

Krystyna strahlte, ein leichtes zartes Rosa legte sich auf ihre Wangen. Ihre warmen Augen sagten bereits ja, ehe die Lippen noch die Worte formten. „Ja, ich will deine Ehefrau werden. Du bist der Mann für ein Leben.“

So hat Rudi am Ende doch noch die Frau für ein Leben gefunden.

© Bernard Bonvivant

Dienstag, 21. September 2010

Madame Elaine Perrault

Madame Elaine Perrault


Am frühen Morgen ist Serge in meiner Begleitung mit dem kleinen Boot hinausgefahren. Unser Ziel war eine Stelle, an der es Langusten gibt. Erfreut stellen wir fest, vier große Langusten sind unser Fangergebnis. Schweigend fahren wir zurück zu unserer Bootsanlegestelle. Ich nehme meine Angelausrüstung und setze mich auf die Kaimauer.

Serge zündet sich eine Gitanes an und hüllt sich gleich in weißen Rauch ein. „Willst du auch eine Gitanes, Jean?“ Er hält mir die Packung unter die Nase. „Serge behalte bitte die Sargnägel für dich.“ Serge ereifert sich. „Na höre Mal, ausgesprochen freundlich bist du an diesem Morgen nicht. Ich biete dir eine Zigarette an und du quatschst irgendeinen Blödsinn von Sargnägeln.“ Ich atme tief durch und lache. „Das ist meine Art von Galgenhumor.“

Serge schaut mich besorgt an. „Du fällst mir noch von der Kaimauer ins Wasser. Was glaubst du eigentlich, was du da machst?“ „Ich angele, das sieht man doch!“ Serge grinst. „An dieser Stelle wirst du noch in drei Tagen sitzen und kein Fisch wird anbeißen.“ Ich verteidige mich. „Ich habe einen erstklassigen Köder.“ „Das ist keine Frage des Köders, diese Stelle ist ungeeignet.“ „Lieber Serge, du bist Chefkoch und kein Fischer.“ „Lieber Jean, du bist garantiert kein Fischer.“

In meinem Rücken erklingt eine weibliche Stimme. „Was machst du auf der Kaimauer, Jean? Wo sind meine Langusten?“ Serge zeigt auf das Boot. „Habe ich dich gefragt? Bekomme ich bald eine Antwort, Jean.“ Ich klettere von der Mauer und lege meine Angel auf die Brüstung. „Kein Wunder, hier kann kein Mensch einen Fisch fangen, bei dem Lärm.“

Madame Elaine Perrault klatscht in die Hände. „Auf! Auf! Zeige mir den Fang.“ Ich gehe zum Boot und werfe einen Blick auf die Reuse. „Es sind vier Madame.“ Die Dame betrachtet den Fang genauer und nickt zustimmend. „In Ordnung, bringt die Langusten zum Haus. Die wird es heute anlässlich meines Geburtstages geben. Ich muss noch ein paar Erledigungen machen. Wir sehen uns dann später.“ Sie drückt mir einen zarten Kuss auf meine linke Wange.

Serge schaut mich fragend an. „Was willst du, Serge?“ „Hast du gewusst, dass sie heute Geburtstag hat.“ „Nein, ich habe es vergessen.“ Serge haut sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Wie blöde bist du eigentlich? Lass mich raten, du hast natürlich auch kein Geschenk für Madame!“ Ich zucke mit den Achseln. „Vergessen.“ Serge brüllt. „Du hast was? Vergessen! Bist du eigentlich noch ganz normal. Eine Frau wie diese bekommst du so schnell nicht mehr.“

Wir tragen die Langusten zum Haus. „Wer sagt überhaupt, dass ich Madame will?“ Serge wütend. „Ich! Du Schwachkopf! Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt in deinem Kopf so etwas wie Intelligenz hast? Du bist ein typischer Mann! Vergisst den Geburtstag seiner Angebeteten.“

Wir stellen das Behältnis mit dem Fisch auf dem Küchentisch ab. Die Köchin schaut mürrisch zu uns herüber. „Wie ich sehe, darf ich wieder die Arbeit machen. Wieso kocht heute eigentlich nicht der 5 Sternekoch, Monsieur Serge?“ Serge zieht tief Luft ein. „Eine noch dümmere Frage kann diese Köchin nicht stellen! Monsieur Serge hat zurzeit Urlaub. Das steht groß an der Tür meines Restaurants verkündet.“ Die Köchin mault. „Wenn ich die Herren so betrachte, dann habe ich das Gefühl, sie haben das ganze Jahr Urlaub.“

Das reicht, zu mindestens uns. Wir kehren ihr den Rücken zu und verlassen verärgert ihr Küchenreich. Serge zeigt zur Kellertür. „Sollten wir nicht ein wenig Wegzehrung mitnehmen? Ich denke der Keller wird uns mindestens zwei Flaschen Chablis hergeben.“ Ich flüstere leise. „Die Köchin zählt die Flaschen.“ Serge grinst. „Und hat die hier etwas zu melden?“ „Nein! Natürlich nur Madame Eliane Perrault.“

Wir steigen die Stufen hinab in den Weinkeller und Serge meint beiläufig. „Mache mir einen Gefallen und lasse den ganzen Unsinn weg. Sie heißt Elaine, wann begreifst du das?“ Ich suche derweil den Wein aus. „Wenn dir so viel an ihr liegt, Serge, dann heirate doch deine Elaine.“ Mein Freund schüttelt den Kopf. „Ich würde sie sofort heiraten, Elaine will aber dich. Eine bessere Partie findest du in der ganzen Bretagne nicht. Die Frau hat Geld, sieht gut aus und akzeptiert einen Lebenskünstler wie dich. Was willst du eigentlich noch mehr?“

Ich habe endlich den Wein gefunden und lege die Flaschen in einen Weidenkorb. Serge hat einen Flaschenöffner und zwei saubere Gläser entdeckt. „Junge, Junge, ich werde Elaine sagen, dass du sie liebst und jetzt hauen wir endlich ab, bevor die alte Köchin uns noch verdrischt.“ Serge nimmt mir den Korb ab. „Nur damit du Bescheid weißt, wir gehen jetzt erst einmal für Elaine ein Geschenk besorgen.“ Ich muss anlässlich dieser Hartnäckigkeit grinsen.

„Heute mein Freund ist Sonntag, da werden wir wohl allenfalls ein paar Feldblumen auftreiben.“ Serge tippt mir auf die Brust. „Du wirst ihr ein anständiges Geschenk überreichen und wenn ich die Ladenbesitzer einzeln in ihre Geschäfte schleppen muss.“ Das beeindruckt mich nun überhaupt nicht, große Sprüche waren ein Bestandteil seines ganzen Lebens.

Ich will nicht verhehlen peinlich ist mir die Angelegenheit schon. Während wir das Haus verlassen, kommt mir ein Gedanke. Wie kann Madame Elaine Perrault an einem Sonntag noch Erledigungen machen? Vielleicht hat sie gar einen Freund, den Apotheker, Arzt oder den Bäcker, wer weiß schon was in einer Kleinstadt so alles hinter dem Rücken der Öffentlichkeit passiert?

Der alte Fuchs, Serge, stellt den Weidenkorb auf dem Boot ab. Anschließend gehen wir durch die Innenstadt. Wie ich vermutet habe, sind an diesem Sonntag die Geschäfte zu. Lediglich eine Art Trödlerladen hat geöffnet. Eine junge Dame schleppt gerade Kisten in das Geschäft. Wir folgen ihr und schauen uns die Auslagen an.

Irgendwann bemerkt die junge Frau ihre Besucher. „Hallo! Meine Herren heute ist Sonntag, da habe ich geschlossen.“ Ich lächele sie freundlich und ergeben an. „Entschuldigung, Madame, meine Freundin hat heute Geburtstag und ich möchte ihr noch ein Geschenk besorgen.“

Die junge Dame schüttelt missbilligend den Kopf. „ Ich frage mich immer wieder, was wir Frauen an euch Männern finden? Ihr vergesst ohne Not unsere Geburtstage, Verlobungstage, Heiratstage und was weiß ich alles. Na gut, eine Ausnahme, aber nur eine und nur an diesem Sonntag. Verstanden!“

Serge nickt zustimmend. „Mir passiert so etwas nicht, dem Typ hier laufend.“ Die junge Dame schaut sich in ihrer Auslage um. „Was soll es sein? Wie alt ist die Dame? Wie heißt Madame?“ Wahrheitsgemäß antworte ich. „Madame Elaine Perrault und es ist nicht anständig, über das Alter einer Dame zu reden.“

Die junge Frau wird bleich im Gesicht. „Sie meinen doch nicht etwa die Perrault mit dem großen Anwesen?“ Ich frage etwas amüsiert. „Gibt es noch mehr von der Sorte?“ Die junge Dame verneint. „Ich glaube kaum. Das Geschenk für die Dame hätte ich.“
Sie geht zu ihrem großen Ladentisch und öffnet eine Schublade. Zum Vorschein kommt eine Schmuckschatulle. Die Frau stellt die Schatulle auf dem Ladentisch ab und öffnet das Kästchen. Was ich nun sehe, verschlägt mir den Atem. Vor meinen Augen kommen eine Kette, ein Armband und ein Ring zum Vorschein, die mir mehr als bekannt vorkommen. Ich frage leise. „Woher stammt dieser Schmuck?“

Die junge Frau zuckt nicht wissend mit den Schultern. „Ich habe den Laden vor ein paar Monaten übernommen, nach dem ich mein Studium in Paris beendet habe. Merkwürdig ist, der Schmuck war bereits hier in diesem Tisch. Fragen Sie mich bitte also nicht nach seiner Herkunft. Es erscheint mir allerdings, als sei er ist ihnen wohlbekannt?“ Serge stupst mich an. „Die Dame hat dir eine Frage gestellt.“

Ich nicke. „Ich kenne diesen Schmuck, dieses Kunstwerk ist in der Zeit Napoleons Bonaparte angefertigt worden von einem Juwelier in Paris. Dieser Schmuck gehörte einer bedeutenden Frau.“ Die junge Frau schaut mich überrascht an. „Dann ist der Schmuck sehr viel Geld wert?“

„Das kann ich nicht beurteilen aber ich würde schon behaupten wollen, dass er auf einer Auktion sehr viel einbringen könnte. Der Schmuck selbst dürfte aber bestimmt immer noch als gestohlen gelten.“ Serge schüttelt den Kopf. „Du willst doch nicht behaupten, die junge Dame habe den Schmuck gestohlen?“

„Nein! Das ist doch viel früher passiert. Die Frage ist doch nur, wie viel soll der Schmuck kosten? Ich möchte die Dame nicht über das Ohr hauen.“ Die junge Frau lächelt mich freundlich an. „Sie hätten mir nichts erzählen müssen, Monsieur. Meine Preisvorstellung wäre erst einmal zweihundert Euro gewesen. Was halten Sie von dem Preis?“

Ich besitze tatsächlich noch dreihundertfünfzig Euro vor der Pleite. Im Grunde verdanke ich Madame Elaine Perrault eine ganze Menge. Irgendwie werde ich auch das Gefühl nicht los, diesen einzigartigen Menschen schon seit sehr langer Zeit zu kennen. Mein Entschluss steht fest.

„Jawohl, Madame, ich werde ihnen den Schmuck für diesen Preis abkaufen. Gerne würde ich ihnen mehr geben, nur meine Vermögensverhältnisse lassen dies augenblicklich nicht zu.“ Die junge Dame grinst. „Es würde mir schon zur Ehre gereichen, wenn sie mich bei Madame positiv erwähnen.“

Ich verneige mich vor ihr. „Das werde ich selbstverständlich tun. Ich habe übrigens gelesen, sie restaurieren auch Bilder, Madame hat eine große Gemäldesammlung zeitgenössischer alter Meister. In dem Bereich gibt es eine Menge Arbeit.“

Die junge Dame hält mir das verpackte Geschenk vor die Nase. „Sehen Sie, Monsieur, so können wir uns doch gegenseitig helfen.“ Ich reiche ihr das Geld und sie bedankt sich. „Es hat mich gefreut mit Ihnen Geschäfte machen zu dürfen, Monsieur.“ Ich reiche ihr die Hand. „Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Madame.“

Auf der Straße meint Serge. „Damit du es weißt, du hast die Kleine ganz schön angebaggert. Das ist nicht fair gegenüber, Elaine.“ Ich bleibe stehen und mustere ihn aus meinen dunklen Brillengläsern. „Ich habe mit der jungen Dame lediglich Konversation betrieben.“ Serge faucht wie ein Walross. „Du bist und bleibst ein alter Frauenbetörer!“

Ich lache laut auf. „Ich habe noch ganze hundertfünfzig Euro vor meiner endgültigen Pleite. Willst du mir meinen letzten Stolz auch noch nehmen?“ Serge schaut mich bekümmert an. „So schlimm steht es um dich?“

„Ja! Ich habe sogar die Auftragsarbeit angenommen, die Memoiren eines adligen Spaniers zu schreiben.“ Serge klopft mir mitleidig auf die Schultern. „Weißt du was, darauf nehmen wir einen Chablis. Die Welt sieht gleich besser aus. Dir scheint es ja mächtig dreckig zu gehen. Was ich nicht verstehe, warum nimmst du nicht Elaine zur Frau?“

Ich winke ab. „Wie soll ich um ihre Hand anhalten. Vielleicht mit dem Spruch, ich bin chronisch pleite und auch ansonsten ist nicht mehr viel mit mir los. Was hätte ich zu bieten, was eine Frau interessieren könnte?“

Serge sieht diese Sache vollkommen anders. „Im Leben geht es nicht immer nur ums Geld. Du bist liebenswürdig, zuverlässig und anständig. Du kannst sehr charmant sein und eine Frau fühlt sich durchaus in deiner Gegenwart wohl. Glaubst du etwa solche Werte, zählen nicht?“

„Um ehrlich zu sein, Serge, in dieser Welt zählen solche Werte rein gar nichts, da zählt nur die Kohle.“

Serge betritt vor mir das Boot. „Ich weiß nicht, wenn die Welt tatsächlich nur noch so wäre, dann wäre es eine schlechte Welt.“

„Das mein Freund, kommt auf die Seite des Betrachters an. Die Menschen haben ein gutes Recht auf ihr eigenes Leben und Gedankengut. Die Masse der Menschen hat sowieso keine Zeit mehr, die hetzen nur noch hinter ihren vermeintlichen Erfolgen und Gelderträgen her.“

Serge grinst. „Na, wenn das so ist, dann wollen wir jetzt ganz gemütlich unseren Chablis genießen. Übrigens was würdest du zu einem Stück Käse sagen?“ Ich nicke zustimmend. „Käse esse ich immer gerne.“

Während wir gemütlich über Gott und die Welt plaudern, nähert sich uns bereits Madame. Sie taucht plötzlich und vor allem von uns unerwartet auf.

Natürlich bin ich überrascht, ihr Aussehen lässt keine Zweifel mehr offen, sie muss einen Liebhaber haben. Ob es der Friseur ist? Nein! Der Bock ist schließlich zu alt. Sie fragt ganz ungeniert. „Was bewunderst du mich so, Jean?“

Bewundern? Ich doch nicht! Ich frage mich eher, welcher Kerl dahinter steckt, obschon es mich doch überhaupt nichts angeht. Stattdessen versuche ich mich in Schadensbegrenzung.

„Madame haben ihre Haare verändert.“ Sie setzt sich neben mich und das Unheil nimmt seinen Lauf. Es knackt leicht unter ihrem Gesäß, beim Versuch sich zu setzen. Madame schaut nun genauer nach. Es gibt keine Chance mehr das Missgeschick zu verhindern.

Unter meiner Nase winkt nun ein Geschenk. „Was bitte ist das für ein Geschenk, lieber Jean?“ „Das Madame Perrault ist ein Geschenk für das Geburtstagskind.“ Elaine kichert. „Serge, was hat der schon getrunken?“ Der bekreuzigt sich. „Madame Perrault, garantiert nur ein Glas Wein, ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist.“ Nun lacht Madame laut schallend. „Das kann nicht besonders viel sein, Serge. Jetzt zu dir mein Liebster, wann gewöhnst du dir endlich dieses Madame vorne und hinten ab. Ich heiße Elaine, ist der Name so schwer auszusprechen?“

„Nein, ich meine, ich will sagen.“ Elaine fährt mir über den Mund. „Es wäre gescheiter du machtest einfach für die nächste Zeit deinen Mund zu, sonst verdirbst du mir noch die Freude. Darf ich mein Geschenk auspacken?“

Ich nicke zustimmend und bleibe artig ruhig. Serge hingegen grinst sich voll eins weg. Tolle Leistung auf Kosten anderer! Elaine hat die Schmuckschatulle bereits auf ihren Beinen liegen. Ungefragt nimmt sie mein Weinglas aus der Hand und trinkt einen Schluck von meinem Wein. Serge grinst mich jetzt noch breiter an. Ich hingegen habe ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend und eine Art von Ahnung beschleicht mich, gleich wird es noch heftiger zu gehen. Madame öffnet den Deckel und ein merkwürdiges Strahlen liegt plötzlich auf ihrem Gesicht. Sie streichelt zart den Schmuck.

Serge meint ruhig und gelassen. „Ein schöner Modeschmuck, wenn auch nicht ganz alltäglich.“ Madame Perrault hebt den Kopf, schaut verständnislos Serge an. „Du alter Schwachkopf! Du hast doch wirklich keine Ahnung, allenfalls von deinen Kochtöpfen.“

Serge nimmt es ihr keineswegs Übel, er gießt sich ein Glas Chablis ein und prostet ihr zu. „Auf ihr Wohl, Madame.“ Elaine drückt mich an sich und gibt mir einen Kuss. Serge witzelt. „Muss Liebe schön sein, wenn ich groß bin, will ich auch einmal.“ Elaine lächelt mich an.

„Woher wusstest du?“ „Ich habe es gefühlt, dieser Schmuck ist von großer Bedeutung.“ Elaine nickt bedeutungsvoll. „Ja, dieser Schmuck ist von sehr großer Bedeutung für die Frauen des Hauses Perrault. Leider wurde er uns gestohlen. Jetzt kehrt er endlich in unseren Besitz zurück.“ Elaine streift sich das Armband an, legt sich die Kette um und reicht mir den Ring. „Kannst du mir bitte den Ring überstreifen?“

Ich ahnungsloser Mensch tue es natürlich, aus reiner Höflichkeit versteht sich. Ob dieses für mich Folgen haben wird?

Elaine streckt die Hand aus in Richtung Serge. „Siehst du Serge, jetzt habe ich doch noch meine Geburtstagsüberraschung bekommen, das ist mein Verlobungsring.“

Ich bin wohl überrumpelt worden oder sehe ich die Angelegenheit im falschen Licht? Ich bekomme ganz schnell Klarheit. Elaine gibt mir einen Kuss auf den Mund. „Jetzt sind wir Verlobte, Jean. Du willst mich doch?“

Mache jetzt bloß keinen Fehler Jean, dazu, habe ich keine Zeit, zu sehr bin ich sprachlos. Mein Gefühl in der Magengegend und diese komischen Schmetterlinge haben mich also nicht betrogen. Allerdings es ist noch nicht vorbei, im Gegenteil es ist noch schlimmer geworden, ich brenne voller Leidenschaft und Liebe.

Die Ernüchterung bringt Serge. „Was ist also an dem Schmuck echt? Der liegt so einfach in einer Ladentheke rum, das ist doch merkwürdig.“ Elaine grinst. „Dieser Schmuck, mein Bester, wurde in Paris hergestellt mitten in den Wirren der Französischen Revolution. Diese grünen Steine sind Smaragde, eingefasst mit weißen Perlen und das, was hier so funkelt, sind Diamanten. Hast du noch eine Frage?“ Serge, der gerade genüsslich an seinem Rotwein kostet, verschluckt sich.

Elaine nimmt das Geschenkpapier und stutzt. „Jean, wer ist diese Nadine Perrault?“ Ich antworte nach besten Wissen und Gewissen. „Ich kenne keine Nadine Perrault.“ Madame nimmt ihren Zeigefinger, um mir deutlich zu machen, was sie von Falschaussagen hält. „Schwindele mich nicht an, du kennst die Dame.“ Ich grinse sie an. „Also wirklich Elaine, kaum bist du verlobt, da machst du schon Eifersuchtsszenen.“ Ihre Antwort hält sie mir vor meine Augen. Ich lese deutlich, Nadine Perrault, Rue de l´odéon 14, 6 arrandissement Paris.

„Das muss wohl die junge Dame in dem Laden erklären können. Ich muss zugeben ich habe nicht nach ihrem Namen gefragt. Eigenartig ist nur, sie bat mich um eine Empfehlung. Immerhin versteht die Frau sich auf die Restaurierung von Gemälden.“ Elaine klatscht in die Hände. „Gut mein Lieber, dann lass uns die junge Dame aufsuchen. Ich möchte das Mädchen sehen und mit ihr reden.“ Ich erhebe mich.

Serge hingegen meint trocken. „Ihr zwei Turteltäubchen habt sicher nichts dagegen, wenn ich euren Chablis mittrinke.“ Eine Antwort bekommt er nicht, wir sind auf dem Weg zu diesem kleinen Trödlerladen.

Ehrlich gesagt, ich habe wenig Hoffnung dort noch eine offene Tür vorzufinden. In dem Punkt irre ich gewaltig. Die Tür zu dem Laden steht wie am Morgen offen. Ich lasse Elaine den Vortritt. Nun gibt es Erscheinungen im Leben, die sind nicht nur merkwürdig, sondern haben den Beigeschmack der Mystik.

Während Elaine sich in dem Geschäft umsieht, mache ich im Nebenraum eine für mich ungeheuerliche Entdeckung. Vor meinen Augen steht die Glasvitrine von Napoleon Bonaparte. Das kann nun wirklich jeder Mensch behaupten. Das Einzigartige sind die Bewohner dieser Vitrine. Es sind alle Soldaten des napoleonischen Heeres vertreten, vom Trommler bis zum General. Die Figuren sind aus Zinn gegossen und ihre Kleidung und jeweilige Bewaffnung ist bis ins kleinste Detail vorhanden. Dieser Anblick versetzt mich in meine Jugend. Oft habe ich vor dieser Vitrine gestanden und die Figuren bewundert, da war Ehrfurcht in mir. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, diese Figuren zum Spiel zu nutzen. Kein Mensch musste mir erklären, welchen ungeheuerlichen Wert diese Sammlung hatte. Meine Großmutter war gezwungen gewesen aus Geldnot diese Vitrine zu verkaufen. Das habe ich nie verstanden, geschweige denn wirklich begreifen wollen. Bittere Tränen waren geflossen und tiefe Trauer hatte mein so junges Herz erfasst. Ich hätte nie in meinem Leben geglaubt, dieser Vitrine jemals wieder zu begegnen. Jetzt stehe ich unmittelbar davor und fasse mein Glück kaum.

Elaine steht still hinter mir, lehnt sich an den Türrahmen. Sie hat sofort erkannt, um welche Sache es geht. „Das ist die Vitrine aus eurem Salon. Ich kann mich gut daran erinnern, davor stand der Flügel und an der Wand das Klavier. Ihr hattet damals noch Geld.“ Ich sage ein wenig ernüchtert. „Wir haben alles verloren.“ Elaine sagt zärtlich. „Das stimmt so nicht. Betrachte es genau, du hast das Vermögen und die Macht verloren; aber nur um daraus zu lernen. Außerdem hat die Familie Perrault in dieser Zeit im Gegenzug ein Vermögen aufgebaut. Du hattest hingegen die Zeit zur Reife und jetzt bekommst du die Frau und die Macht. Was gilt es, nun noch der Vergangenheit nach zu trauern. Die Vitrine werden wir kaufen und damit wäre dann wohl die Angelegenheit geklärt.“

Ich nicke zustimmend. „Dein Einwand stimmt, es ist nicht gut der Vergangenheit nachzutrauern, darüber wird oft die Zukunft verschlafen.“

Elaine scheint zufrieden. „Gut, wenn du diese Fakten erkannt hast. Jetzt bleibt nur noch die Frage. Wo steckt diese junge Dame?“

Diese Frage ist gut, immerhin sind wir schon eine geraume Zeit in diesem Laden. Wenn es in unserer Absicht liegen würde, so hätten wir genügend Zeit gehabt, um das Geschäft auszuräumen. Ich finde diese Situation merkwürdig und verlasse das Geschäft. Elaine folgt mir instinktiv. „Spürst du auch, hier stimmt etwas nicht, Jean. Das Mädchen ist sicher in Gefahr.“

Genau, ich habe so ein merkwürdiges Gespür. „Du bleibst vor dem Laden, Elaine. Ich werde mir das Haus genauer ansehen.“ Ich betrete erneut das Geschäft und suche nun alle Räume systematisch ab. Aus einem der Zimmer höre ich ein Stöhnen. Langsam öffne ich die Tür und werfe einen Blick in den Raum. Am Boden liegt eine Frau und auf der Frau liegt ein Schrank. Ihre Augen schauen mich hilfesuchend an.

Während ich die Tür weiter öffne. stürmt Elaine bereits an mir vorbei. „Madame Perrault, sie schickt der Himmel.“ Elaine schaut mich fragend an, doch ich weiß hier im Moment auch keine Antwort. Vielleicht ist man sich irgendwann in Paris über den Weg gelaufen.

Elaine beugt sich besorgt über die junge Frau. „Was haben Sie angestellt?“ Die junge Frau seufzt. „Ich wollte den Schrank aufbauen und dann ist plötzlich alles zusammengebrochen und ich mittendrin. Ich bin so unglücklich gefallen, ich kann mich nicht selbst befreien.“ Ich nicke. „Das sehe ich. Haben Sie vielleicht Schmerzen?“

„Nein! Ich habe Angst.“ „Das finde ich gut, sie sind wenigstens ehrlich. Ich werde jetzt langsam das Holz über ihnen beiseiteschaffen.“ Gemeinsam mit der Hilfe von Elaine schleppen wir die Einzelteile zur freien Wand und lehnen sie dort an. „Jetzt weiß ich auch, warum sie sich nicht befreien konnten. Dieser Schrank ist aus Massivholz.“

Irgendwann ist die junge Frau endlich von allem Mobiliar befreit. Steht sie nun auf? Nein! Sie bleibt einfach am Boden liegen. Elaine macht es schon, sie reicht ihr die Hand. „Aufstehen, junge Dame.“

Die Hand wird ergriffen und Augenblicke später steht unsere verhinderte Möbelbauerin auf zwei Füssen vor uns. Sie streckt und bewegt sich, augenscheinlich ist der Körper heil geblieben. Elaine löst die Anspannung im Raum auf. „Woher kennen Sie mich eigentlich?“

Die junge Frau, ein wenig verlegen. „Ich glaube wir sind verwandt.“ Elaine schaut ihr tief in die Augen. „So, so, die junge Dame glaubt. Was so viel heißt wie, ich weiß es nicht mit Sicherheit. Dann ist es wohl eher Unsicherheit.“ Die junge Dame schaut unter sich. „Entschuldigung, Madame.“

Elaine nimmt ihr Gegenüber in den Arm. „Es gibt doch keinen Grund sich zu entschuldigen auf der Suche nach der Wahrheit. Erzähle mir deine Geschichte.“

Die junge Frau erzählt, von der Mutter, welche bei ihrer Geburt stirbt. Der Vater Maler, Künstler, Alkoholiker und Spieler. Er hat das ganze Vermögen durchgebracht und sich dann einfach drei Meter tiefer gelegt. Sie, ihr Name ist Nadine, war damals gerade 18 Jahre alt. Sie hat sich auf die Suche nach Verwandten gemacht, doch keiner wollte ein Habenichts im Haus. Der Vermieter hatte als einzige Person Mitleid mit ihr und stundete ihr die Miete. Sie hat gemodelt, gekellnert und wenn gar nichts mehr ging geputzt. Ihr Studium hat sie sich so finanziert. Ihre Studienkollegen hatten wenig Verständnis, wie auch, sie hatte nie Zeit, um an Feten oder Veranstaltungen teilzunehmen. Im letzten Monat schrieb ein Notar, sie habe ein Haus geerbt in der Bretagne. Es war die Schwester der Mutter, sie hat nicht einmal gewusst, dass ihre Mutter eine Schwester hatte. Tränen stehen in ihren Augen.

Ich spüre Elaine lässt dieses Schicksal nicht kalt. „Jetzt hast du mir so viel erzählt aus deinem Leben mein Kind, aber wer dein Vater war, das weiß ich immer noch nicht.“ Nadine nickt tapfer. „Ich weiß, Madame, sie werden ihn sicher nicht kennen. Er hieß Gilbert Perrault.“

Elaine fasst sich mit beiden Händen an den Kopf. „Mein Gott, das ich da nicht von alleine drauf gekommen bin. Wer sonst als dieser total verrückte und bescheuerte Gilbert kann so etwas seinem Kind antun. Du musst wissen, dein Vater war das schwarze Schaf in der Familie. Wenn einer Mist gebaut hat, dann war es garantiert Gilbert. Weißt du was, wir bringen dein Leben jetzt auf Vordermann. Nicht wahr Jean? Wir haben selbst keine Kinder also kümmern wir uns um dich. Ich habe heute Geburtstag und damit fangen wir an.“

Nadine schaut etwas irritiert in die Runde. „Ich habe leider nichts anzuziehen. Was sollen die Leute denken?“ Elaine fragt neugierig. „Welche Leute? Zu meinem Geburtstag kommen nur Serge und du. Ich frage schon lange nicht mehr danach, was die Leute über mich denken oder schreiben. Für diese Lebenseinstellung habe ich allerdings auch ein paar Jährchen gebraucht. Jetzt habe ich nur noch ein Anliegen, die napoleonische Glasvitrine, dafür werde ich dir einen ordentlichen Preis bezahlen. Schließlich brauchst du für deine Zukunft eine gute finanzielle Basis.“

Nadine fragt. „Von welcher Glasvitrine reden wir hier eigentlich?“ Elaine nimmt Nadine an der Hand und flüstert zu mir. „Bleibe du hier, ich möchte mit ihr alleine reden.“

„Nein, ich gehe lieber zu Serge auf das Boot.“ „Ist gut, wir kommen später dort vorbei.“ „Später? Wann ist später?“ Diese Antwort bleibt sie mir schuldig.

Am Boot finde ich einen schnarchenden Serge vor, offenbar war der Wein doch zu viel für ihn. Meiner vorsichtigen Einschätzungen nach dürfte der Tag für ihn gelaufen sein. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Kaimauer und warte auf die Damen. Meine Befürchtung es könne eine lange Zeit vergehen, zeigt sich schon bald als unberechtigt. In voller Eintracht kommen die zwei Frauen die Straße entlang. Elaine hakt sich bei mir unter und meint bezüglich Serge.

„Der ist wie immer voll! Lassen wir ihn seinen Rausch ausschlafen. Wir werden jetzt unsere neuen Familienbande festigen. Ich hoffe, Jean, du hast dich endlich mit deinem Schicksal abgefunden.“

„Weißt du, hätte mir je etwas Besseres in meinem Leben passieren können als Madame Elaine Perrault?“

Elaine lacht. „Nein! Nicht wirklich und deshalb werden wir auch schon bald heiraten.“ Nadine fragt. „Ihr wollt wirklich heiraten?“ Elaine meint verschmitzt. „Wenn es gilt, dann gilt es, bevor mein Held wieder kalte Füße bekommt, mache ich dieses Mal den Sack zu.“
Nadine pflichtet dieser Entscheidung bei. „Ja, das stimmt, der Mann muss wissen, wer der Herr im Haus ist.“

Meine Antwort auf dieses Thema ist einfach. „Das schockt mich jetzt überhaupt nicht mehr, Mesdames. Ich erlaube mir zu bemerken, mein Entschluss steht fest mit Elaine zusammenzubleiben. Die Machosprüche werden übrigens gerne an der Garderobe entgegengenommen.“

Elaine küsst mich auf die Wange. „Monsieur haben vollkommen recht, wir wollen in unserer Hütte Frieden.“ Am Haus angekommen staunt Nadine nicht schlecht. „Diese Hütte ist ja ein Schloss!“ Elaine meint vergnügt. „Meine liebe Nadine, Madame Elaine Perrault liebt und wohnt standesgemäß.“


© Bernard Bonvivant

Freitag, 17. September 2010

Flaschenpost an eine tote Geliebte

Flaschenpost an eine tote Geliebte


Du meine Liebe,

schönste aller Blüten. Du einzigartige Rose ganz ohne Dornen. Deine zarte Unschuld hat mir den Verstand geraubt, der Geruch Deiner Haut trieb mich von Sinnen.
Wie sehr verzehre ich mich nach Deinen Liebkosungen, Deinen liebevollen Küssen.
In meinem Innern toben die Schmetterlinge, mein Herz bebt vor Liebe nach Dir. Leider sind wir so weit voneinander getrennt.

Jeden Morgen spaziere ich an unserem Meer entlang nur in Gedanken bei Dir.
Ich kann nicht mehr arbeiten vor Liebesqualen, kann nicht mehr schlafen ohne Dich, zwischen uns liegt ein großer Ozean.

Ach könnte ich, wie ich wollte, ich würde noch in dieser Stunde meine Reise antreten zu Dir.
Ich habe noch nie für einen Menschen soviel empfunden.

Ich suche Deine Spuren im Sand, sitze an unseren vertrauten Plätzen, starre in die untergehende Sonne.
Einst haben diese Augenblicke mein Herz erwärmt, ich spürte die große innere Freude.

Jetzt aber sieht es düster um meinen Seelenfrieden aus.
Kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht frage:
Hätten wir es verhindern können?
Ich weiß, es ist nicht mehr zu ändern, nur akzeptieren will und kann ich es nicht.
Warum traf das Schicksal unsere Liebe? Warum kann ich nicht von Dir lassen?

Du fehlst mir so sehr, mein Leben ist so sinnlos geworden.
Ewige Treue haben wir uns geschworen und ich werde Dich bis an das Ende meiner Tage lieben.

So bleibe ich zurück in tiefer Erinnerung an unser großes Glück. Du aber meine Geliebte ruhst längst in Deiner Gruft.
Warte auf mich auf der anderen Seite, mein Herz wird bald gebrochen sein vom Liebesschmerz, dann sind wir wieder vereint.

Du einzige große Liebe meines Lebens. Ich schicke Dir diese Flaschenpost, obschon ich weiß, sie wird Dich nicht erreichen. Verliebte tun zuweilen eben merkwürdige Sachen. Kannst Du mir verzeihen?

Ich kann nicht mehr Leben ohne Dich.



© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Montag, 13. September 2010

Schön, wie eine Rose sollst du sein

Schön, wie eine Rose sollst du sein.
Sollst blühen und nie verwelken.
Sollst ewig die Schönheit sein in meinem Herzen.
Das frische Tau soll dir zur ewiglichen Jugend verhelfen.
Magst auch noch im Alter, meine einzig wahre Rose sein.


© Bernard Bonvivant


Schriftsteller

Sonntag, 12. September 2010

Liebe, Liebesleid geht und kommt zugleich

Liebe, Liebesleid geht und kommt zugleich


In seinem Kämmerlein sitzt ein Mann ganz allein. Verflossene Träume von der Liebe hängen wie dicker Nebel im Raum.

Hat er etwa Liebeskummer? Ist sein Herz endlich gebrochen?

Er sucht die Antwort irgendwo in Raum und Zeit, wandert im Geiste alte Pfade. Fragt sich: Warum passiert solches immer ihm?

Keine Panik, er ist auf dieser Welt mit solcherlei Wehwehchen nicht allein.

Die Liebe kommt und benebelt seine Sinne, wie ein zarter Duft eines wohlriechenden Parfüms. Plötzlich aber geht sie ohne Worte des Abschieds zur Tür hinaus.

Lässt einen Fragenden zurück doch die Antworten, werden ihm nicht gegeben.

Soll er jetzt, streichen den Gott aus seiner Philosophie, wie Sartre es schon tat, um die Liebe ihrer Wertigkeit zu berauben?

Oh nein! Soweit lässt er nicht zu, dass es komme. Er wird nicht springen in die Gruft des Grabes mit gebrochenem Herzen und Leid.

Nein! Er wird sich hüten in Zukunft zarte Bande zu knüpfen oder gar sich in Gedanken einer neuen Liebe hinzugeben.

Zu oft hat er diese Augenblicke in seiner Lebenszeit durchlitten. Soll es etwa eine Lehrzeit sein?

Da fragt er doch ganz ungeniert: Wann bitte soll diese Lehre endlich auch einmal zum Erfolg gereichen?

Wären nicht die Hoffnung und ein klitzekleiner Hauch vom Glück, er würde endlich dieser Gefühle abschwören.

Stattdessen sitzt er in seinem Kämmerlein und denkt bei sich. Jetzt wird er einfach nur noch warten, vielleicht klopft irgendwann die wahre Liebe doch noch an seine Herzenspforte.

Es wäre doch Schade sich dieser Chance Selbst zu berauben. Liebe ist nun einmal kompliziert. Herzen die schon öfters Wunden erlitten sind schwer zu gewinnen. So gilt es eben sich in Geduld zu üben, damit es irgendwann dann doch noch kann gelingen, mit der wahren Liebe, die zu einer neuen Zeit gereicht.


© Bernard Bonvivant

Samstag, 11. September 2010

Fieber der Leidenschaft


Fieber der Leidenschaft



Wir stehen auf dem Friedhof im strömenden Regen und schauen zu, wie der Sarg langsam in die Tiefe hinab gleitet. Ein Regentag in London ist nicht ungewöhnlich, aber auf einem Friedhof ist es schon ein merkwürdiges Gefühl. Neben mir steht Jeff und grinst, Mary und Kathleen beugen sich vor, um zu sehen, ob dieser Sarg auch wirklich unten bleibt. Immerhin war seinem Nutzer eine Menge zu zutrauen. Daniel liebte es zu überraschen. Einige Friedhofsbesucher schauen schon etwas verunsichert zu uns herüber. Das ist auch nicht verwunderlich bei unserem Verhalten, doch es gibt auch einen triftigen Grund für unser Benehmen. Unsere Vorgeschichte liegt fast 40 Jahre zurück.

Wir waren Kinder jung und frech. Jeff, Daniel, Mary, Kathleen, Susan und ich kamen aus demselben Londoner Stadtteil, Waltham Forest, besser gesagt Walthamstow. Unsere Eltern waren allesamt einfache und ehrliche Bürger gewesen. Auf eines waren wir besonders stolz, unseren Straßenmarkt den angeblich längsten in ganz Europa und der Welt.

Ja, wir waren Rotznasen, unbekümmert und leicht wie ein Blatt im Wind. So wehte uns diese Brise in unser Leben. In der Schule schmiedeten sich unsere Bande enger, wir Jungens waren eine Gang und die Mädels unsere Bräute. Das war Schwachsinn, zugegeben, aber machen wir nicht in unserem Leben öfters Dinge, die wenig Sinn ergeben.

Die Sommer unserer Leben verflogen und irgendwann waren wir schon im Alter von 15 Jahren. Wir Jungens interessierten uns plötzlich für die Röcke und was darunter steckte. Für Jeff und mich ging es dabei mehr um die Theorie. Unser Freund Daniel hingegen war der Meinung er müsste es ganz schnell ausprobieren.

Was er dann auch tat, häufig tat. Er war plötzlich mehr damit beschäftigt Weiber aufzureißen, als sich für die Schule zu interessieren. Eines Tages sprachen wir ihn auf sein Verhalten an, er war mittlerweile an der Schule zum Weiberheld verkommen. Daniel fragte uns. „Ihr seid doch nicht etwa schwul? Wenn nicht, dann macht es halt eben wie ich. Jede Braut einmal, wenn sie besonders gut ist, ein zweites Mal und dann weg damit.“

Während wir betroffen ihm nachstarrten, meinte Jeff. „Wenn er an Susan geht, drehe ich ihm den Hals um.“ Susan? Gab es da etwas, was ich nicht mitbekommen hatte. Ja! Der arme Jeff war total verliebt in Susan. Sie war seine Heilige und seine Einzige. Die zarte Rose und das duftende Jasmin. Ich befürchtete das Schlimmste.

Leider behielt ich recht. Manche Zungen behaupteten er hat sie gegen ihren Willen genommen. Auf jeden Fall hatte er die Rose zerbrochen. Jeff erzählte mir erst an der Beerdigung von Susan, was wirklich passiert war. Ab diesem Tage war Daniel für mich im Grunde gestorben, nein, noch viel schlimmer, meine jugendliche Unschuld war dahin.

Susan hatte sich bei Jeff ausgeheult. Dieser Bastard von Daniel hatte die Kleine geschwängert und danach mit einem supercoolen Spruch in die Wüste geschickt. „Du Schlampe hättest aufpassen müssen, außerdem mag ich keine mit einem Bauch.“ Susan war bis ins Mark tödlich getroffen. Da half auch der Trost durch Jeff wenig.

An einem Spätnachmittag ging es wie ein Lauffeuer durch den Ort Walthamstow. „Susan hat sich auf dem Dachboden erhängt.“

Grausam sind der Menschentriebe zu spielen mit Gefühlen. Allzu oft sie damit verursachen große Qual und Leid.

Es dauerte keine sechs Monate und die Eltern von Susan verstarben. Meine Mutter meinte, die armen Leutchen hätten den tragischen Tod ihrer einzigen Tochter nicht überwunden.

Kurze Zeit später machte mich Mary an. „Willst du eigentlich nur zugucken oder auch irgendetwas dagegen unternehmen? Daniel muss für seine Tat büßen!“

Jeff blies in dasselbe Horn. Ich musste hoch und heilig am Grab von Susan versprechen, dass wir für die Gräber der Toten sorgen und der Tag kommen werde an dem Daniel für seine Tat büßen würde. Natürlich tat ich dies und wie so oft im Leben würde auch dieser Schwur gebrochen werden.

Das war ein gewaltiger Irrtum, dieser Schwur war mächtig und hielt bis zum heutigen Tag.

Wir bahnten uns den Weg in die Welt der Erwachsenen. Jeff wurde Automechaniker mit einer eigenen Werkstatt in einem Hinterhof, wie es eben typisch ist für englische Verhältnisse. Ich wurde Volontär bei einer Zeitung und später Redakteur einer Boulevardzeitung. Kathleen wurde Häusermaklerin und Mary übernahm den Pub ihrer Eltern. Wir wurden demnach ganz normale Menschen bis auf Daniel.

Der wurde natürlich Banker und Börsenhändler und wahrscheinlich der größte Frauenheld Londons. Jeff nahm ihm diesen Lebenswandel schwer Übel, vor allem weil er überall immer die große Fresse riskierte. Es nutzte auch wenig, wenn er Lokalrunden schmiss, er blieb in unserer Welt kein beliebter Mensch.

Daniel wusste es und es war ihm ganz egal. Er kam einfach in unser Pub, spielte uns den großen erfolgreichen Banker und Mann von Welt vor. Manche Armleuchter glaubten seine Sprüche, nur Mary glaubte ihm kein Wort.

Sie lächelte nur und sagte. „Daniel, du bist ein Spieler, Betrüger, Abzocker und ein Liebhaber bist du schon gar nicht!“ Daniel wurde dann verlegen, ein zartes Rouge legte sich auf seine Wangen und er hielt tatsächlich die Klappe. Was wusste Mary, dass wir nicht wussten?

Es sollte noch einige Zeit dauern, bis sie es mir erzählte. In der Zwischenzeit schien London nur noch aus Bankern zu bestehen und Leuten, die Kohle hatten. Jeff meinte, ihm sei dies egal, er verdiene für sich genug Geld. Und die Liebe? Und die Frauen? Es war ein Teufelskreis.

Jeff wollte keine und ich traute mich nicht. Warum? Nun, ich bildete mir ein, es wäre unfair gegenüber dem Freund plötzlich eine Frau zu haben. Wir waren allerdings nicht alleine mit unserem Problem, auch Kathleen und Mary hatten keine Beziehungen. Manchmal geht, das Schicksal eben merkwürdige Wege und was rein zufällig aussah, war Notwendigkeit für die Zukunft. Wer von uns vier Menschen dachte aber an eine solche Möglichkeit? Keiner!

Die Wende brachte ein Freitagabend. Jeff und ich spielten gerade Billard als Mary zu uns kam und meinte. „Vor der Türe steht eine Dame, die hat ein Problem mit ihrem Wagen. Jeff helfe ihr doch bitte.“ Jeff sah mürrisch vom Billardtisch herüber. „Die Werkstatt ist geschlossen! Die soll sich halt einen Abschleppwagen kommen lassen. Außerdem fahre ich gleich wie jedes Wochenende zum Angeln.“ Mary sah mich flehentlich an. Ich bat ihn. „Jeff, tue Mary den Gefallen, helfe der Frau.“ Jeff legte den Queue beiseite und meinte nur. „Ihr zwei seit einfach eine verschworene Bande!“ Ich sah ihn an diesem Abend nicht mehr.

Mary hingegen ging zum Angriff über. „Du fährst bestimmt wie an jedem Wochenende nach Schottland.“ Ich nickte. „Hast du dort eine Freundin?“ Ich nickte und dann kam der Gummiknüppel. „Lüge mich nicht an, du fährst nicht nach Schottland und Jeff auch nicht zum Angeln. Ihr verkriecht euch jedes Wochenende in euren Wohnungen und glaubt der Rest der Welt wäre blind. Ich hätte eine gute Idee für dich, wie wäre es, wenn du zur Abwechslung bei mir bleibst, ich zeige dir dann schon die Bergwelt.“

In jener Nacht erkundete ich ihre Venushügel, danach waren eigentlich alle Unklarheiten beseitigt. Ich erfuhr aber auch den Grund, weshalb Daniel immer schwieg, wenn Mary ihm ein paar Worte sagte. Es war wohl seine größte Schmach gewesen, dass bei Mary ihn seine männliche Größe im Stich gelassen hatte. Wir fragten uns außerdem, weshalb wir solange gebraucht, hatten uns zu finden.

Während ich das Wochenende auf Glückswolken verbrachte, hatte auch mein Freund Jeff den großen Glückstreffer. Seine Dame hieß Kathleen. Ein halbes Jahr später gab es unsere gemeinsame Doppelhochzeit. Wir hatten endlich unser persönliches Glück und die Liebe gefunden.

Es dauerte nicht lange und Daniel tauchte wieder auf. An einem Donnerstagabend stand er plötzlich im Pub und schwafelte von großen Geschäften mit unermesslichen Renditen, nur man müsse schnell sein. Pst, mehr sage er nicht. Wir alle hätten doch noch Geld auf der Kante. Mary gab ihm die passende Antwort. Er spielte einen Mister sehr beleidigt. Schließlich jonglierte er doch so mit den Milliarden. Die passende Antwort gab ihm Jeff. „Wenn du schon mit Milliarden jonglierst, benötigst du unsere paar Kröten nicht. Ich sage dir noch etwas, du bist schneller tot, als du denkst!“

Daniel verließ den Pub und wir hatten ihn an diesem Abend tatsächlich zum letzten Mal lebend gesehen. Der nächste Tag, ein Freitag, wurde ein schwarzer Freitag, düstere Wolken am Finanzhimmel und haufenweise schlechte Nachrichten. Die erste Information betraf den alten Mister Brown, es hieß, er habe sich in seinem Büro in seiner Bank erschossen. Ich wusste sofort, diese schlechte Nachricht hatte mit Daniel zu tun. Einige Stunden später berichteten alle Medienkanäle über das Ausmaß einer gigantischen Pleite in Finanzkreisen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen mehrere Personen. Es hatte einen weiteren Todesfall gegeben, ein Börsenmakler hatte sich erhängt.

Auf dem Friedhof hat der Regen nachgelassen. Ich halte meine Mary im Arm und Jeff hält die Hand seiner Kathleen. Wir haben uns zu dem Grab auf der gegenüberliegenden Seite umgedreht. Mary sagt. „Findet ihr das nicht irgendwie unheimlich, der Mistkerl liegt genau gegenüber dem Grab von Susan.“
Jeff grinst. „Das finde ich vollkommen gerecht, er soll genau hinsehen. Das Mädchen, Daniel, hast du auf dem Gewissen, du allein. Jeden Tag, an dem du auf diesem Friedhof liegst, sollst du daran erinnert werden.“

Kathleen stupst ihn an. „Ich denke es ist langsam Schluss mit dieser Geschichte. Wusstet ihr eigentlich, wenn sich ein Mann erhängt, soll er noch eine Erektion haben.“
Jeff ereifert sich. „ Das heißt doch nicht etwa ...?“
Ich lege meine Hand auf seine rechte Schulter und sage beruhigend. „Lass es gut sein, Jeff. Es ist endlich vorbei. Wir sollten endlich die Vergangenheit ruhen lassen.“

Mary nickt zustimmend. „Kennt ihr den Spruch: Hochmut kommt vor dem Fall! Unrecht gedeiht nicht gut! Was wollen wir mehr, Daniel war der Erfolgreichste von uns, aber sein Glanz hielt nicht. Am Ende hat er alles verloren. Wir sind zwar kleine Leute geblieben aber uns geht es doch gut.“

Wir verlassen den Friedhof, gehen endlich in unsere eigene Zukunft, viel zu lange hat uns die Vergangenheit festgehalten.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller

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Menschen-Schicksale-Leben

Rose

Rose


Eine Rose, rosarot,
so wunderbar zart.
Mit Tropfen benetzt,
ein Moment so schön.
Die Königin der Blüten,
bezaubernd und edel,
welch große Diva,
so meine Auge sie nie sah.


© Bernard Bonvivant, Schriftsteller

Sonntag, 5. September 2010

Die golden Sonne Kaliforniens

Die goldene Sonne Kaliforniens

Ich kam 1823 als Gustav Friedrich von Freyenhausen zur Welt. Früh schon hielten meine Eltern mich für einen Taugenichts. Ich hatte viele Ideen in meinem Kopf doch leider passten sie nicht zu meinem Stande. Im Jahre 1843 hatte mein werter Vater endlich die Schnauze voll von mir. Er buchte ohne mein Wissen eine Schiffspassage in die neue Welt, verfrachtete mich zum Kai. Versehen mit einer bemerkenswerten Abfindung sollte ich mein Glück in der neuen Welt suchen.

Offenbar hatte der alte Herr doch Gewissensbisse seinen zweiten Sohn so einfach in die Welt zu werfen. Zu meiner Schande musste ich eingestehen, es hatte mich nicht im Geringsten gereut zu gehen. Mein alter Herr hatte es dennoch für notwendig gehalten, mich nach Kalifornien zu einem alten Freund zu schicken. Der werte Herr hatte einen Zeitungsverlag in San Francisco.

Ich war bei meiner Ankunft ein wenig enttäuscht, San Francisco hatte nicht einmal 1.000 Seelen zu bieten. Das Amüsement war eher bescheiden und die Damen auch nicht gerade die erste Wahl. In meinem Hotelzimmer waren die Wanzen und es war keineswegs als sauber zu bezeichnen. War ich etwa in der Welt des Teufels gelandet? Nein!

Es sollte noch viel schlimmer kommen, doch dies wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. So begab ich mich zu meinem Antrittsbesuch bei diesem Verleger. Ich hatte eigentlich eher den Müßiggang und die Lasterhaftigkeit auf meine Fahne geschrieben. Leider musste ich gleich bei meinem Gespräch mit dem werten Verleger einem Schweizer feststellen, mein alter Herr versuchte, diesem Drang einen Riegel vorzubauen. Das Ansinnen an mich war keineswegs unverschämt, ich sollte als Redakteur arbeiten und zusammen mit einem Fotografen vernünftige Artikel für die Zeitungen in Europa erarbeiten.

Der Fotograf hieß Maurice Chevalier und war wie der Name schon andeutete Franzose. Dieser Umstand machte ihn mir gleich sympathisch, ein Franzose verstand zu leben. Ich sollte noch lernen, dass es Unterschiede gibt in der Auffassung, wie man lebte.

Um es kurz zu machen, ich nahm die Herausforderung an. Mein größter Wunsch war es diesem Hotel zu entkommen und so musste ich mir dringend eine standesgemäße Unterkunft suchen. Es sollte sich in meinem Leben ein neues Dach finden auf eine äußerst originelle Art. Während ich wieder einmal enttäuscht von einer möglichen Wohnstätte zurück zu meinem Hotel lief, war das Schicksal an meiner Seite.

Erst roch ich ein angenehmes Parfüm und dann nahmen meine Augen eine Dame wahr. Ja, sie war eine Dame vom Kopf bis zum Fuß. Was ich noch sah, waren zwei Flegel, die sicher nichts Gutes im Sinn hatten. Sie hielten die Dame an und versuchten Ihr den Weg zu versperren, dabei machten sie sehr eindeutige Angebote. Ein Mann mit Ehre und Anstand kann solches Treiben nicht tatenlos geschehen lassen.

Ich stellte mich den Herren vor und bat sie die Dame in Ruhe zu lassen. Es gelang mir dem ersten Schlag auszuweichen und dann stürzte sich einer der beiden Flegel auf mich. Es kam zu einer wilden Rauferei.

Unterdessen wollte der zweite Flegel der Dame unter den Rock fassen. Solches hätte er besser gelassen. Das nachfolgende Ereignis gereichte einer Dame zum Ruf als Miss Unnahbar. Die Dame trat ihn an seine empfindlichste Stelle und schlug ihm mit ihrer rechten Faust an die Schläfe. Der Bursche fiel wie ein Sack zu Boden.

Sein Kumpel ließ von mir ab und starrte überrascht auf den am Boden liegenden Freund. Eine Frauenstimme sagte laut und deutlich. „Wenn diese üblen Burschen nicht Land gewinnen, dann schieße ich euch die Männlichkeit ab!“

Sie hielt einen Revolver in der Hand und das Funkeln ihrer Augen und die Zornesröte in ihrem Gesicht, fand zumindest ich einfach nur toll. Eine Menschenmenge hatte sich mittlerweile gebildet und klatschte Beifall.

Miss Maureen hatte sich Respekt verschafft und nicht nur solches, die Männer ließen sie ab diesem Tage in Ruhe. Während die Menschenmenge sich auflöste und ich aus dem Dreck der Straße auferstand, überkam mich ein gewisses Gefühl der Scham.

Ich klopfte an meiner Kleidung den Staub ab, dann sah ich wie die Dame mich musterte. Verlegen suchte ich dem Blick auszuweichen.

„Herr von Freyenhausen macht es ihnen Spaß sich wie ein Schwein im Dreck zu wälzen?“ Es waren Peitschenhiebe und sie trafen bis auf das Knochenmark. Woher kannte sie meinen Namen? Sie winkte mich herbei, wie einen Lakai. „Folgen sie mir, immerhin ist eine Reinigung von Nöten.“

Ich folgte ihr in ein echtes Haus aus Steinen gemauert, ein herrschaftliches Gebäude. Eine schwarze Perle sah mich kopfschüttelnd an. „Miss Maureen, soll der etwa?“
Die Dame blickte sie streng an. „Ja! Der soll und ich möchte keine weiteren Kommentare hören. Herr von Freyenhausen hat schließlich für meine Ehre gekämpft.“

Ich wurde in eine Badewanne gesteckt, es war das schönste Gefühl seit meiner Abreise aus Europa, wenn ich etwas vermisst hatte; dann war es die geeignete Badestelle. Ich kleidete mich in neue saubere Kleidung. Woher sie kam, war mir in diesem Moment unwichtig. Einige Zeit später führte mich die schwarze Perle in den Salon.

Maureen Ó Cinnéide war die Tochter eines angesehenen Bankers mit irischen Wurzeln. Während ich ihre Schönheit bewunderte, reichte ihr Vater mir die Hand. Ich war so gefangen von diesem Anblick, dass ich dabei meine Umwelt vergessen hatte.

Wir speisten zu Abend und Mister Ó Cinnéide fand die Konversation mit mir sehr angenehm. Bei einem Glas Whisky vor dem Kamin nahm ich die Einladung in seinem Haus zu wohnen dankend an. Diese Entscheidung war wohl die Klügste in meinem ganzen Leben.

Während ich meine zarten Bande zu Maureen webte, brach um uns herum die Hölle los. Innerhalb von nur 2 Jahren wuchs unser San Francisco um das 25-fache. Das Zauberwort hieß Gold. Die Menschen stürmten unsere Stadt und die Kaufleute erhöhten die Preise.

Maurice Chevalier und meine Schreibkunst standen plötzlich hoch im Kurs. Unsere Berichte über den Goldrausch fanden reißenden Absatz. Erstaunlich war dabei, kein einziger Verlag fragte uns, wie es uns möglich war, so viele Nachrichten in die Welt hinauszuposaunen. Alle Welt war nur noch fasziniert von dem glitzernden Gold.

Die Bank von Mister Ó Cinnéide wurde über Nacht zur mächtigsten Bank des Südens Amerikas. Das Leben hatte aber auch Schattenseiten zu bieten, in den Jahren 1849 bis 1851 brannte San Francisco insgesamt sechs Mal ab.

Na ja, nicht die ganze Stadt, aber die ganzen Holzhäuser und die dichtgedrängten Armenbehausungen schon. Maurice und ich hatten uns derweil so in die Arbeit gestürzt und begonnen die Welt mit Nachrichten zu versorgen, wir merkten nicht einmal mehr, wie die Zeit verflog.

Lediglich Maureen erinnerte mich an ein anderes Leben. Maureen hatte es plötzlich unheimlich eilig aus San Francisco zu ziehen. Sie bestand auf die Ehe und ein Haus außerhalb der Stadt. Zugegeben die Ehe war überfällig, nur mit dem Bau eines Hauses außerhalb der Stadt zögerte ich noch. Diese Frau kannte kein Erbarmen, alle meine Einwände wurden von ihr in der Luft zerpflückt.

Am Ende kam es, wie es kommen musste, wir bauten ein neues Haus weit von San Francisco weg. Wir zogen sozusagen auf das Land. Der Alte Ó Cinnéide fand es gut. Mein Freund und Partner Maurice fand es schlecht. Er wollte nicht weg von seiner Stadt.

Die Nächte voller Abenteuer und ständig in den Armen anderer Frauen, hatten ihm die Syphilis beschert. Nun war ich voller Dankbarkeit, Liebe und Wärme für jene Frau, die mir dieses Schicksal erspart hatte. Ich trug Maureen auf Händen, es war mir schlagartig bewusst geworden, welches großartige und einzigartige Geschöpf ich an meiner Seite hatte.

Wir wohnten jetzt auf dem Land und in der Stadt breiteten sich immer mehr die Flöhe und Ratten aus. Die Hygiene war in der schnellwachsenden Stadt kein Thema mehr.

Wie goldrichtig die Entscheidung meiner Frau war, wurde uns im Winter des Jahres 1851 vor Augen geführt. Ein Schreckgespenst hatte die Stadt ergriffen, die Cholera. Der Tod zog durch die Straßen und machte reichlich Beute. Er verschonte auch meinen Freund Maurice nicht.

Des einen Leid ist des anderen Freud. An diesem Spruch stimmt vieles, während ein Großteil der Bevölkerung in Kalifornien verstarb, ging es uns blendend.

Meine Frau gebar vier Kinder und ich hatte endlich beschlossen, anständig zu werden. Ich war in der Bank meines Schwiegervaters zum stellvertretenden Präsidenten aufgestiegen.

Unsere große Zeit kam erst. Wir bauten nun unsere Bank, das Bankhaus Ó Cinnéide & von Freyenhausen zu einer der mächtigsten Banken der Welt. Wir beteiligten uns an Minengesellschaften, Eisenbahnen und Fabrikationen. Die Nähe zum Pazifik brachte uns ebenso auf die Idee, uns eine Schiffsflotte zu zulegen.

So wurden wir ohne selbst nach Gold gesucht zu haben dennoch Gewinner des Goldrausches in Kalifornien.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany